Von Köhlern und vom Wandern   

Text Anne Wiebelitz Foto Gauthier Saillard


Schonmal Holzkohle zum grillen gekauft? Klar, nicht jetzt, jetzt ist nicht die Saison, aber im Sommer.. na bestimmt,

 Grillen ist schließlich sommerliche Lieblingsfreizeitbeschäftigung der meisten Deutschen.

Aber schonmal gefragt, woher der Sack Holzkohle kommt, mit dem man den Grill beheizt?

Dass die Grillkohle, die hierzulande tonnenweise unter Steak und Bratwurst in den Gärten und Parks während der

sonnigen Abende des Jahres verbrannt wird, aus den rumänischen Wäldern stammen könnte, habe ich bisher nicht vermutet.

     


Eine 10tägige Wanderung in diesem Herbst, quer durch Siebenbürgen von Sibiu nach Sighisoara, bringt mir das Köhlerhandwerk näher.

Köhlerei, das klingt nach Märchen und dunklem Wald, nach schwerer Arbeit und einem harten Leben.

Aber eigentlich weiß ich nichts darüber.


Unsere Wanderung fällt in einige erst verregnete, für die Jahreszeit ungewohnt kühle, dann ein paar sonnige, fast wieder warme Tage Ende September.

Wie zu erwarten, begegnen wir in den gesamten Zeit keinen anderen Wanderern. Die sind eher in den Karpaten anzutreffen,

 die ihre schon schneebedeckten Gipfel die Tage manchmal bei klarer Sicht im Süden zeigen. Wir, eine 6köpfige deutsch-französisch-schottische Gruppe,

 haben diesmal beschlossen, nicht die Karpaten zu erkunden, sondern uns durch die alte Kulturlandschaft Siebenbürgens

zu bewegen und das Thema sozial-ökologische Transformation hier in der Gegend zu erkunden.

Wir besuchen Menschen und Projekte, tauschen uns aus und lassen uns treiben. Nach den für die ersten Tage geplanten Besuchen entscheiden wir gemeinsam,

wohin es uns als nächstes zieht. Nur so gelangen wir überhaupt in den Wald, von dem hier noch die Rede sein wird.


Der Wald nördlich von Agnetheln ist das größte Waldstück auf unserer Strecke.

Anderthalb, vielleicht 2 Tage, sagt der Blick auf die Karte, dürften wir brauchen, um den Wald zu queren,

 bevor wir im nächsten Dorf wieder Lebensmittel und Wasser finden. Schon nach den ersten 2 Kilometern,

auf einem breiten Forstweg, begegnen wir einigen Pferdewagen, die den Wald Richtung Süden, Richtung Agnetheln verlassen.

Merkwürdig – keiner von denen hat Holz geladen, wie ich es erwartet habe, stattdessen sind sie leer.

Nach einigen weiteren Kilometern, der Weg schlängelt sich langsam bergab, steigt uns der Geruch von Feuer in die Nase.

Wahrscheinlich eine Gruppe Forstarbeiter, die sich hier eine Pause am Lagerfeuer gönnen. Oder Leute aus Agnetheln,

 die sich hier zum Sonntagsgrillen treffen? Ja, wahrscheinlich das, laut Karte sollten wir auch bald auf eine größere Lichtung treffen.



Am Rand der Lichtung angekommen, verschlägt es uns angesichts einer riesigen, kunstvoll aufgeschichteten Pyramide erstmal die Sprache.

Was für ein Kunstwerk, hier! Ansonsten niemand und nichts zu sehen. Ringsherum um die Pyramide liegt Holz aufgeschichtet.

Ich muss an Hexenverbrennungen denken. Wir rätseln noch eine Weile und laufen dann weiter.



Wenig später dann eine weitere Pyramide, und direkt daneben, diesmal dampfend und schon fast ganz heruntergebrannt,

 ein riesiger Haufen grauer Asche.



Uns dämmert es langsam, als wir eine Hütte entdecken und einen alten Dacia daneben.

Die Hunde der Köhlerei rennen schon bellend auf uns zu und bald kommt auch der Köhler, den wir beginnen,

mit unseren Fragen zu löchern. Was sie hier machen, fragen wir, und er gibt bereitwillig Auskunft,

lächelnd darüber, das wir das zuvor noch nie gesehen haben: Die Pyramiden (Kohlenmeiler genannt) werden von ihnen aufgeschichtet,

das ist die Arbeit von ungefähr einer Woche. Kunstvoll, ha, naja, ist schon ein ganzes Stück Arbeit, aber man kriegt Routine.



Am Ende wird Stroh und eine Schicht Sand oben aufgelegt. An einer Seite in der Holzkonstruktion lässt man einen Hohlgang,

durch den hindurch dann das Holz angezündet wird. Das frisst sich erstmal nach oben und brennt dann,

unter der Schicht Stroh und Sand luftdicht abgeschlossen, ganz langsam nach unten weg. Deshalb schwelt auch der Haufen, neben dem wir stehen,

noch so langsam vor sich hin. Wie lange das brennt? Ungefähr 2 Wochen, bis sich das Feuer nach unten durchgefressen hat.


Darunter liegt dann das, was viele nur in Säcken verpackt aus dem Laden kennen: Holzkohle.

 Die Köhlerei gibt es schon seit Jahrzehnten hier. Der Wald, der uns jetzt schon zwischen all den kleinen Waldstücken,

die in Siebenbürgen noch so existieren, recht groß vorkommt, muss einmal sehr viel größer gewesen sein. Später erfahren wir,

 dass das Holz hierher auch aus anderen Wäldern Rumäniens gebracht wird, fast täglich werden die Köhler mit Holz von Leuten

aus den umliegenden Dörfern oder Städtchen beliefert. Auf dem Pferdewagen natürlich. Jetzt

erklären sich uns auch die leeren Pferdewagen, denen wir am Vormittag begegneten.



Wahnsinn, ein Stück Holzkohle in der Hand zu halten und die Struktur zu betrachten,

die dem Baum, der sie mal war, noch so ähnlich sieht. Wie leicht es ist! Wie Menschen wohl auf die Idee gekommen sind,

 solche Art von Kohle herzustellen? Und ob sie sich vorstellen konnten, was ihre Entdeckung für eine Bedeutung für die

nachfolgenden Generationen haben würde... Welche Bedeutung Kohle, natürlich vor allem die fossile Schwester der Holzkohle aus der Erde,

heute noch für unseren Energieverbrauch haben, ist ziemlich traurig.

 2014 wurden z.B. noch fast die Hälfte des deutschen Stroms durch Kohlekraftwerke erzeugt – trotz „Energiewende“!

Raus kommt dabei jede Menge CO2, das die Erdatmosphäre weiter erwärmt.

 Für die Köhler ist die Gewinnung der Holzkohle Schwerstarbeit – einen Schutz vor den giftigen Gasen tragen sie, soweit wir sehen können, dafür nicht.



Die Köhler leben fast das ganze Jahr über hier. Der Lohn, den sie für diesen Knochenjob bekommen, liegt bei unter 300 € im Monat.

Das ist auch die durchschnittliche Monatsmiete einer 1-2-Raum-Wohnung in Sibiu, Cluj oder Brasov, den größeren siebenbürgischen Städten.

 Ein Hungerlohn. Die Gewinnspanne bei den verkaufenden Supermärkten kann man sich dann leicht ausrechnen,

wenn man sich den Preis für ein paar Kilo Grillkohle, auch im rumänischen Supermarkt, anschaut...

 Gibt es eigentlich fairtrade – Grillkohle?



Die Köhlerei ist ein aussterbendes Handwerk in Europa und wird außer in Rumänien fast nirgendwo mehr für wirtschaftliche Zwecke betrieben.

 Nachdenklich gehen wir weiter und schlagen bald unser Lager auf.

Am Feuer sitzend, stört unsere nächtliche Ruhe nur ein bellender Rehbock. Oder besser: wir stören seine, denn er hat unseren Geruch zuerst in die Nase bekommen.

So wie wir tagsüber den Geruch des Kohlenmeilers, der uns beschäftigte, lange bevor wir ihn sahen.



Eine Nacht später und einige Kilometer weiter, immer noch im gleichen Waldgebiet,

stoßen wir auf eine weitere Köhlerei. Ein Mann mit Pferdewagen, der dort gerade sein Holz abgeladen hat,

bietet uns an, uns ein Stückchen mitzunehmen. Wir nehmen dankend an („Aber sind wir nicht zu schwer?“ -

 „Ach, Quatsch, ich hatte gerade eine Tonne Holz geladen“) - auch wenn uns der freundliche Kutscher, Mihai heisst er,

 zu einem anderen Tagesziel bringt, als das, was wir uns morgens überlegt hatten. Die Gelegenheit entgehen lassen

wir uns aber nicht, so rumpeln wir bald gemächlich über Stock und Stein mit ihm davon. Und denken an Märchen,

die von Köhlern handeln, und wieviel mehr, als wir auf den ersten Blick sehen können, in so einem Sack Holzkohle steckt.


Anne Wiebelitz, seit Jahren in Rumänien allein und mit Gruppen zu Fuss unterwegs,

 baut gerade an der Website www.bewandert.eu (online ab Ende Januar 2017) wo Mikrowanderführer aus Mittel-&Osteuropa publiziert werden,

die sonst in keinem Reise/Wanderführer zu finden sind.