An die Quellen der Musik    

Grit Friedrich

eine Reise nach Zece Prăjini, Szászsávás/Ceuaș, Clejani und Bukarest



Auf dem Teller dampft leckere Ciorbe, danach serviert Daniela Trifan Kartoffelpüree mit Schweinebraten, dazu ein Glas Palinca und Wein.

Im Flur wartet schon ihr Mann Monel, auf der Schulter die Tuba. Gleich geht es los zum improvisierten Festgelände auf der Wiese

neben den Bahngleisen. Nicht nur die Dorfjugend hat sich versammelt, denn nur selten spielt die

 weltbekannte Brass Band Fanfare Ciocărlia in ihrer Heimat. Ein Fest für alle!


Kinder schauen neugierig zu den Blechbläsern und ihrem Percussionisten. Bewundernd hören sie zu,

wenn der Senior der Band Radulescu Lazar alte Lieder singt. Spät in der warmen Sommernacht tanzen ein paar Großmütter

und einige junge Männer aus dem Nachbardorf Hora mit den Besuchern aus Großbritannien, Neuseeland, Kanada und den USA.

 Das sind Musikliebhaber, die erfahren wollen, wie sich das Leben im Dorf der Lerchenbläser anfühlt, riecht und schmeckt. Daniela Trifan,

 die Frau des Tubaspielers Monel, ist eine warmherzige Gastgeberin. Wir hatten schon Gäste aus Japan bei uns, andere aus Spanien

blieben eine Woche hier. Und die Leute, die mit Helmut kommen. Was soll ich sagen, das macht uns Freude.

 Ich verstehe mich sehr gut mit den Gästen. Sie schlafen im Gästezimmer und wir kochen alles was sie wollen,

 auch Vegetarier hatten wir schon hier. Ich sehe, dass ihnen unser Essen schmeckt. Unsere Gäste gehen in den Wald,

spazieren durchs Dorf und besuchen den alten Friedhof oben auf dem Hügel. Beim abendlichen Grillfest spielt dann unsere Fanfare Ciocârlia.


Zece Prăjini unterscheidet sich nur wenig von anderen Dörfern im Norden der Moldau.

 Eine zerfahrene Dorfstraße, viele einstöckige bunt getünchte Häuser, die sich an einen Hügel schmiegen,

 dazwischen auch neuere Gebäude. Wie eine kleine Kirche, gestiftet von den Musikern des Dorfes und ihren Famlien,

oder eine frisch renovierte Grundschule, ein Laden, der auch als Bar funktioniert. In einigen Orten dieser Gegend gibt es Blaskapellen,

doch weltberühmt wurde nur die Fanfare Ciocârlia. Woher die Blechbläsertradition stammt, kann man nicht genau sagen.

Sicher ist nur, dass die rumänischen Fürstentümer Moldau und Wallachei, die Militärkapellen der Osmanen kennen lernten. Darüber berichtet Laurențiu Ivancea:

Alle wissen, dass hier in Zece Prăjini gute Musikanten leben. Hier wohnt kein einziger Rumäne.

Wir sind Zigeuner.

Mein Vater Ion wollte auch aus mir auch einen Klarinettisten machen, aber mir hat es einfach nicht gefallen.

Ich habe mich dann für das Baritonhorn entschieden. Mein Bruder Ciprian spielt das Baritonhorn,

dann zog er weg und sein Instrument stand bei uns Zuhause rum. Ich hab es einfach genommen,

 mein Vater hat mich an seinen Platz gestellt und so habe ich es gelernt, ohne es anfangs zu wollen.

 


Diese und viele andere Geschichten hört, wer bei den Musikern zu Gast ist. Man kann alles fragen,

einige der Männer sprechen gut Englisch, für die anderen wird übersetzt. Dabei erfahren die Gäste aus dem Ausland auch,

wie der Erfolg im Ausland das Leben der Musiker verändert hat. Vor der Wende wurden große Blaskapellen

zu einer Hochzeit gerufen. Es gab Wein, Bier, ein warmes Essen und zur Gage meist noch ein gutes Trinkgeld.

Das Repertoire dieser Fanfaren richtete sich immer nach den Wünschen der Auftraggeber.

 Das ist 2016 nicht anders als 1986, sagt der Tuba-Spieler Monel Trifan:

Im Ausland spielen wir auf Konzerten und bei Festivals, eine Hochzeit ist etwas anderes.

Die hat ein bestimmtes Ritual. Heute trifft man sich bei einer Hochzeit gleich an der Kirche,

im Festsaal oder im Restaurant. Früher hat man zuerst bei der Braut gespielt, ihr wurden die Kleider gezeigt

und es gab eine bestimmte Melodie zu jedem Schritt dieses Rituals. Heute tanzt man bei uns nicht mal mehr die Tänze,

die wir vor mehr als 20 Jahren gespielt haben.

 


Leider wird es schwerer Bläsernachwuchs zu finden, bedauert Monel Trifan.

Glücklicherweise spielt sein großer Sohn Gabriel sehr gut Klarinette, Saxophon und Tuba.

Obwohl einige Musiker der Fanfare Ciocârlia nur noch an den Wochenenden oder in den Ferien in ihr Heimatdorf kommen,

 sind alle mit dem Dorf verbunden, haben Eltern oder Geschwister dort.

Ohne den Welterfolg der Fanfare Ciocârlia hätten allerdings noch mehr Familien Zece Prăjini verlassen.

 Von Musik allein kann man in Rumänien auf dem Land kaum überleben.

 


Seit einigen Jahren besuchen kleine Reisegruppen ein bis zweimal im Jahr mit Hilfe des Berliner Labels Asphalt Tango Records

 nicht nur Zece Prăjini, sondern auch Siebenbürgen und Clejani, ein Musikerdorf im Süden. Wie durch ein Brennglas erfährt man auf

dieser neuntägigen Reise, die von Landes-und Musikkennern begleitet wird, nicht nur Insiderwissen über regionale Stile,

sondern hat die seltene Chance mit Musikern und ihren Familien vor ihrer Haustür zu sprechen.



Die nächste Station liegt in Siebenbürgen, die Reise dorthin führt durch den spektakulären Bicaz Pass,

in ein seit Jahrhunderten multiethnisch bewohntes Gebiet. Im Dorf Szászscávás (rumänisch Ceuaș) dominiert satter Streicherklang,

wie vom Meistergeiger Jámbor István. Er hat immer für die eigene Romacommunity und für seine ungarischen Nachbarn Tänze wie Csárdás

und Szökő aus der Region rund um Mediaș (deutsch Mediasch, ungarisch Medgyes) gespielt.

 

 


Und nach einem üppigen Festmahl auf dem Hof der Gastgeber erklingen auch mehrstimmige Lieder, gesungen von Sandor Vas.

 Er empfängt seit vielen Jahren Besucher: Es ist eine Freude für uns. Sie kamen immer zum Tanzhaus , viele Leute sind vorbeigekommen.

Komponisten, auch andere Musiker, sie haben sich alle immer sehr sehr wohl hier gefühlt. Meine Frau hat Essen gekocht,

so einfach ging das, es funktionierte. Die Stimmung war immer gut. Wir haben auch gesungen, wenn man mich gebeten hat.

Was soll ich sagen, ich bin da mittendrin. Jetzt bin ich 70 Jahre alt. Seit ich 20 Jahre alt war, besuchten uns die Leute wegen der Musik.

Csávás ist einzigartig, egal wo wir hinkommen, zu welchem Haus, oder in der Kirche, wir können die Töne anders singen.

Es klingt einfach anders, im Allgemeinen kann die Bevölkerung hier gut singen.

Darum lieben wir Besucher, und wir singen und tanzen bei Hochzeiten oder Taufenn.

Nicht um uns zu betrinken, sondern um Spass zu haben.



Die Musik aus Szászcsávás – kurz Csávás, klingt anders als in den gemischten ungarisch/rumänischen Dörfern der Umgebung.

Es gibt Tanzmusik und Volksmusik, bordalok-Trinklieder, aber auch langsame Balladen über die Liebe.

Von Szászcsávás geht es weiter in die UNESCO-Weltkulturerbestadt Sighișoara (Schäßburg) und nach Deutsch-Weißkirch (rumänisch Viscri).

Entdeckt man hier eher das architektonische Erbe der Siebenbürger Sachsen,

folgt dann die nächste Station dieser Reise zu Romamusikern, diesmal in der Walachei.


Die Touristen erleben ein Familienkonzert in Clejani, weit im Süden Rumäniens, ca 45 km neben Bukarest,

auf dem Hof des Akkordeonisten und Sängers Marin Sandu.

Sirba, Hora und viele unendlich lange melancholische Lieder, all das hat er von seinem Vater gelernt.

Der Geiger Nicolae Neacșu hat den Taraf de Haidouks mit seinen Balladen,

auch mit der Balada conducatorului über den Sturz des Diktators Ceaușescu weltberühmt gemacht.

Sein Sohn aber auch die Enkel geben das Erbe weiter. Mein Vater hat diese Ballade im Bett mit gebrochenem Bein komponiert.

Die Leute kommen zu uns, weil sie die traditionelle Lautarimusik aus Clejani hören wollen. Unsere Musik gefällt Journalisten,

Künstlern oder Theaterleuten. Wenn Besuch kommt, dann geht es uns besser, denn dann können wir spielen.

Nur meine Hände sollen weiterhin funktionieren. Ich habe Musik gemacht seit ich 12 war.

Bis zum heutigen Tag spiele ich, doch was morgen sein wird, das weiß niemand.



Marin Sandu hat drei Söhne, die nicht nur das alte Repertoire kennen.

Sie sind auch zuhause in der schillernden Bukarester Musikszene, die das Ende der Entdeckungsfahrt markiert.

 In der Hauptstadt dominieren auf Hochzeiten Manele. Das sind Lieder urbaner Romabands mit starken orientalischen Einflüssen

und großem kommerziellen Erfolg. Keyboards, Darabouka, Geigen - alles elektrisch verstärkt.

Die Musik dröhnt aus riesigen Boxen.

 Tanzmusik mit wahlweise romantischen, aber auch vulgären Texten.

Diese Musik wird seit Jahren in Rumänien kontrovers diskutiert und häufig mit der Unterweltkultur assoziiert.

Manele waren Thema mehrerer wissenschaftlicher Arbeiten. Es gibt einen Roman, der immer wieder

in Manelekneipen spielt und mittlerweile ist das Genre in der Hipsterkultur angekommen.

 So fand die letzte Reise ihren Abschluss in einer Kneipe mitten im Stadtviertel Ferentari.

Am Ende tanzen nicht nur die Touristen, sondern auch ein paar einheimische Gäste draußen auf der Terrasse.

 


Nächste Termine:

Rumänien & Romamusik“ eine Erlebnisreise

27. Mai bis 4. Juni 2017

2. bis 10. September 2017

Infos zur Reise: www.asphalt-tango.de oder www.transilvania-aktiv.de