Die Namen in der Synagoge von Mediasch und ihr Garten

von Angelika Beer

Endlich will ich sie von Nahem sehen. Die große Synagoge in Mediasch (rumänisch Mediaş). An einem Sonntag im August ist es soweit. Aus dem Bahnhof heraus, die Straße herunter – und da steht sie schon: an der nächsten Kreuzung, nicht zu übersehen. Breit gelagert wie eine Markthalle, ehrwürdig und scheinbar von den Zeiten unberührt, wie eine alte Dame. Der Trottoir wird erneuert, die Geranien an den Straßenlampenmasten blühen, willkommen in Osteuropa.
Der Zebrastreifen ist schon fertig und leuchtet derart knallig rot, dass ich erst einmal stehen bleiben muss. Wie ein ausgerollter roter Teppich, der alle Blicke auf sich zieht und Wichtigkeit verkündet. Und auf der anderen Seite steht man nach ein paar Schritten plötzlich direkt vor der Synagoge. Seltsam surreal.
Vis-à-vis sieht man ihr ihre 120 Jahre an. Die alte Dame ist nicht mehr ganz so frisch, Fensterscheiben fehlen, die Farbe blättrig, ein lange verlassenes Haus. Und doch ist sie erhaben, fast thronend, mit vielen Davidsternen als Zier, gliedernden Türmchen und schmalen, hoch aufragenden, eleganten Rundbogenfenstern.
Leider ist das Portal verschlossen und so gehe ich einmal an der Synagoge entlang. Sie ist nicht nur breit, sondern auch lang und kolossal wuchtig. Wie eine Glucke. Ein imposanter Bau, der sich selbst wichtig nimmt.
Wie es drinnen wohl aussieht? Durch die Fenster ist nichts zu sehen, die alte Dame behält ihre inneren Werte für sich, wohlverschlossen, wie einen Schatz. Nur eine neue Regenrinne, die mir erst gar nicht auffällt, verrät ihre Lebendigkeit. Also mal auf der anderen Seite schauen.
Dort kommt man auch nicht näher an sie heran, kann aber in den Hof sehen. Immerhin. Das „Casa de lângă Sinagogă Mediaş“ („Haus neben der Synagoge“), das ehemalige Rabbinerhaus, wird seit ein paar Jahren von einem Verein renoviert und zunehmend genutzt – für Ausstellungen, Konzerte und als Archiv. Der junger Walnussbaum steht im Hof und könnte vielleicht schon einiges erzählen. Abwarten.
Drei Wochen später, an einem Samstag Anfang September, ist es soweit. Die Eröffnung einer Ausstellung im Haus neben der Synagoge, bekannt gegeben über Facebook. Im Anschluss wird es ein Klezmer-Konzert geben. Auf der Veranda steht rumänischer Wein. Rot und weiß. Feierlich und atmosphärisch tun sich Hof und Haus auf. Eine eigene Welt. Die Synagoge aber ist immer noch geschlossen. Also warte ich die Eröffnung ab. Im Anschluss frage ich, ob es wohl möglich wäre, einen Schritt über ihre Schwelle zu tun. Alle sind emsig mit der Vorbereitung für das Konzert beschäftigt, die Technik muss funktionieren, die Stühle stehen – dazwischen schon die verschiedensten Gäste, und viele Kinder, die fröhlich herumwieseln. Ein vierjähriger Knirps streckt mir spontan eine Salzbrezel entgegen. Freundlich und ernst. Und läuft schnell weiter, holt noch mehr Brezeln, um auch andere zu beglücken. Sein persönliches Begrüßungsgeschenk. David heißt er, Englisch ausgesprochen, wie ihn später sein Vater rufen wird.
Endlich kommt Alexandra mit dem ersehnten Schlüssel, drückt ihn mir in die Hand und entschuldigt sich sehr, dass sie selbst gerade keine Zeit hat, mir die Synagoge zu zeigen. Als Theologin werde ich schon zurechtkommen, sage ich, von mir selbst überrascht, und mache mich auf den Weg. Eine christliche Theologin mit dem Schlüssel einer Synagoge in der Hand.
Endlich drin, bleibt mir der Mund offen. Ich kann die Fülle der Eindrücke kaum fassen. Und die Augen können sich nicht satt sehen. Ein gewaltig großer, von einer himmelhohen Tonne überwölbter Raum tut sich vor mir auf. In gedämpftes, warmes Abendlicht getaucht sind da alte Malereien, ein Kobaltblau wie von einer anderen Welt. Einige weitere Gäste sind mir gefolgt, ein Mann warnt vor einem Loch im Holzboden, nicht dass sich jemand den Fuß bricht. Bedächtig, vorsichtig und von dieser spinnwebenden Pracht, die niemand von uns kannte, in den Bann gezogen, gehen wir durch die Weite des Raumes, bleiben immer wieder stehen und können kaum aufnehmen, was wir sehen.
Zwei Stäbe auf dem Lesepult in der Bima für die Tora. Die Torarolle mit den fünf Büchern Mose. Sie ist ganz anwesend in ihrer Abwesenheit. Meine Augen sehen die Hände, die die Torastäbe umfassen, die langsam die Heilige Schrift ausrollen. Meine Ohren hören, wie daraus gelesen wird. Wie ich selbst erst später weiß, bilden diese beiden Stäbe in der jüdischen Tradition den Baum des Lebens. Es gibt immer etwas, das wächst.
Nach einer Weile schweift der Blick weiter, hinauf zur hufeisenförmig den Raum einnehmenden Empore, die den Frauen zugedacht war. Hinauf zum Licht. Dorthin könnten wir noch gehen.
Auf dem Weg zur Empore fallen unten im Vorübergehen die Namensschilder auf, die immer noch an den Bänken festgeschraubt sind, für jeden Mann eines. Immer dort, wo er einst saß. Jakob Biermann zum Beispiel. Das Abendlicht reicht nicht aus, um durch alle Reihen zu gehen und zu lesen.
Das Licht schwindet. Die Bänke oben gleichen Schulbänken, mit einem Pult und Stauraum darunter. Für Handtaschen, für Bücher oder ganz anderes? In einer Ecke stehen Kartons voller Bücher, auf Hebräisch, Ungarisch, Rumänisch, Deutsch. Einige zerfleddert, andere gut erhalten. Ein vergessener Schatz.
„Ah, jetzt weiß ich endlich, wie der dritte Sohn von Adam und Eva hieß!“, freut sich neben mir eine Frau, die gerade in einer Ungarisch-Hebräischen Ausgabe der Genesis (1. Buch Mose) blättert. Kain und Abel kennt man ja. Aber Seth? Auch ich hatte den Namen vergessen. „Adam erkannte abermals seine Frau, und sie gebar einen Sohn, den nannte sie Seth: »Denn Gott hat mir einen andern Sohn gegeben für Abel, den Kain erschlagen hat.«“ (Genesis 4, 25)
In mehrfacher Ausgabe liegt auf den Stapeln, in den Kisten und neben den Kisten auf der Empore das „Mahzor“, ein Gebetsbuch für die hohen jüdischen Feiertage. Für Rosh Hashana, das jüdische Neujahr und Jom Kippur, den Versöhnungstag, beides meist im September. 1936 wurde das Buch zum ersten Mal in einer rumänischen Übersetzung gedruckt. Zu einer Zeit, als anderswo Bücher nicht gedruckt, sondern verbrannt worden sind.
Ein kaum sichtbares Fundstück noch von der Empore, wo doch die Frauen saßen: Ignaz Kappel – oder eine Frau, die in den Kappel Ignaz verliebt war – hat seinen Namen unterm Pultdeckel verewigt. Vielleicht ein Spross jener Familie Kappel, aus der auch Lotte Kappel stammte, die Ehefrau von David Bäumel, der ab 1851 der erste Rabbiner von Mediasch war.
Von draußen kommen Rufe. Das Konzert geht los! Wir können uns kaum losreißen von diesem Blick in die Vergangenheit und verlassen die einst so elegante Dame. Wie sie sich mir in wenigen Momenten eingebrannt hat mit den Spuren der Zeit. Ich bin voller Bilder und kann kaum glauben, dass ich wirklich dort war – in dieser eigentlich verschlossenen Synagoge. Ich drehe den Schlüssel um, bringe ihn Alexandra zurück und lasse mir von ihr noch das Archiv im Rabbinerhaus zeigen. Einst war die ganze Empore der Synagoge voller Bücher, hier sind sie gesichert und sortiert. Was wir dort oben noch sahen, war nur der Rest. Ein kleiner Rest für einen großen Eindruck.
Dann wird der Hof zwischen der alten Synagoge und dem Rabbinerhaus zu einem verzauberten Garten, zu einem kleinen Paradies. Ein lauer Sommerabend, Benjy Fox-Rosen aus den USA spielt und singt mit berauschend gefüllter Seele jiddische Lieder, gespickt mit Wörtern aus dem Rumänischen, dem Deutschen und dem Ungarischen: „Jiddel mit der Fiddel, des Leben is a Liddl, des Leben is a Spaß.“ Das süße, leichte Leben, fröhlich. Mit einem Glas Wein in der Hand. Die Luft ist voll von Zuneigung und Kinderlachen an diesem Samstag Anfang September, zwischen einem Nussbaum und einem Kirschbaum: „We should drink a lot of Schnaps.“ Jiddische Lieder aus Czernowitz flattern herein, in den Garten neben der alten Synagoge, in dem das Leben blüht. Lasst uns tanzen, statt in Reih und Glied zum Krieg zu marschieren: „Tanz, tanz, tanz nur a bissele mit mir.“ Dann das Lied „Doina“ aus Bessarabien, tief im Klang, stürmisch und frei. Viele Sprachen erfüllen den Garten, herzerfrischend, ganz besonders ist das der last song „Roumania, Roumania“ von Aaron Lebedeff, der einmal durch die Küche Rumäniens und zurück wandert: „A mameligele, a pastromile, a karnatsele – un a gleyzele vayn!“. „Vayn trinkt men iberal me farbayst mit kashkaval“, „vayn trinkt men s'meg zayn shpet, me farbayst a kastraveţ“, „ikh lib nor brinze marmalige“, „ay, a fargenign iz nor rumeynish vayn.“ Polenta, Pastrami, Würstchen – und ein Gläschen Wein. Wein trinkt man überall, dazu beißt man in Caşcaval (Schafskäse). Wein trinkt man, es mag auch spät sein, und beißt in ein saures Gürkchen hinein. Ich liebe nur Polenta mit Käse, ein Vergnügen ist nur rumänischer Wein.
So viele Worte meiner Kindheit, Rumänisch, Ungarisch, Deutsch. Ich kann nicht anders als zu lachen, vergnügt und laut. Ein Abend, an dem das Herz bersten will vor Glück.