Cheia

oder

Ein Dorf verdoppelt seine Einwohnerzahl

Dorothea und Marcus Meichsner

Migration, Landflucht, Altersstruktur – Themen, die in Mitteleuropa in aller Munde sind. Die aber eben – unter anderen Vorzeichen – auch Rumänien beschäftigen. In ausgeprägter Form ist das in den abgelegenen Bereichen des Apuseni-Gebirges zu besichtigen. Nach deutschen Maßstäben ist hier geradezu ein demografisches Notstandsgebiet. Zu der Abwanderung ins Ausland – die ganz Rumänien betrifft – kommen hier noch eine erhebliche Strukturschwäche und eine Landschaft mit steilem Gelände. Beides macht die unberührte Gegend für Rucksacktouristen attraktiv, erlaubt aber den Einheimischen kaum mehr als Subsistenzwirtschaft, in der Regel Viehzucht.
Die Zahlen sind drastisch: In den vier Gemeinden Mogoș, Ponor, Râmeț und Întregalde, die im Trascău-Gebirge (einem Teil des Apuseni) liegen, lebten 1956 insgesamt 9.547 Menschen, 2002 dann 3.439 und 2011 nur noch 2.422. Das macht ein Minus von 75 % in den letzten 55 Jahren und von 30 % in 9 Jahren.
Landschaft im Trascău-Gebirge
Ein besonderes Beispiel: Cheia, das von der Gemeinde Râmeț verwaltet wird. Das Dorf liegt am Geoagiu-Fluss; sowohl flussauf- als auch -abwärts schließen enge Schluchten (Cheile Piatra Bălții bzw. Cheile Râmețului) das Tal ab, die nur für Wanderer passierbar sind. In der Cheile Râmețului werden zusätzlich noch mindestens die Füße nass.
In der Cheile Râmețului
Dass es in Cheia mal Autos gegeben haben soll, ist angesichts des Zustandes der hier hinunter führenden Wege schwer vorstellbar. Bis vor ein paar Jahren konnte man wohl noch mit einem Pferdewagen hierher kommen. Doch seit einem Hochwasser und der Zerstörung einiger Brücken ist auch das vorbei. Cheia ist also wirklich nur zu Fuß zu erreichen.
Brücke über den Geoagiu in Cheia
Heute besteht das Dorf aus verstreut liegenden, meist verlassenen Strohdachhäusern, verbunden durch einige Fußwege. Aus Stein sind nur die Kirche und die ehemalige Schule. Ringsum thronen wunderschöne Kalksteinfelsen, die aus dichten Wäldern und weiten Wiesen herausragen. Auf letzteren grasen Kühe, Pferde und Schafe. Die Kühe und die Pferde leben hier praktisch wild und werden von ihren Besitzern oft wochenlang nicht aufgesucht.
Frei laufende Kühe bei Cheia
Bewegt man sich vom Fluss weg, müssen etwa 500 Höhenmeter bewältigt werden (was etwa 1,5 Stunden dauert), um ins nächste Dorf und damit in den nächsten Laden zu kommen.
1956 waren hier 132 Menschen zu Hause, 2011 noch 4. Darunter nur eine alte Frau, die hier aufgewachsen ist. Dazu eine Nonne, die auf die Kirche aufpasst, und zwei andere einzelne Personen.
Und 2016 ??? 8 Einwohner!!!
Diese ungewöhnliche demografische Entwicklung hat natürlich eine Geschichte, die gleichzeitig die Geschichte einer Familie ist, die der Sulimans aus Bukarest.
Kirche in Cheia
Gabriel Suliman, studierter Psychologe und Internet-Werbedesigner, damals 29 Jahre alt und genervt vom Trubel der Hauptstadt, kommt im Jahr 2012 auf einer Wanderung hier vorbei und weiß sofort: Das ist der Ort, wo er leben möchte. Seine Frau Cristina (43 Jahre, Lehrerin an einer Bukarester Waldorfschule) ist nicht ganz so begeistert, lässt sich aber ein Jahr später überzeugen, ein Weidegrundstück von 3.000 m² zum Preis von 3.000 Euro zu kaufen, gleich neben der Kirche. In dieser Phase treffen wir die Sulimans zum ersten Mal. Noch ist nicht ganz klar, ob die Familie hier wirklich herziehen will oder ob es bei einer Art Datsche bleiben wird. Gabriel – der sehr gut Englisch spricht – sprüht aber nur so von Ideen, und wir sind gespannt, was sich daraus entwickelt.
Landschaft bei Cheia
Ein Abend im Juli 2016. Das Taxi lädt uns in Brădești aus, jenem Ort, der über den von Cheia aus gesehen nächsten Laden verfügt. Eine ausländische Familie mit großen Rucksäcken erregt natürlich Aufmerksamkeit. Die erste Frage an uns lautet: „Wollt Ihr zu Gabriel?“ Na klar, wollen wir. Am nächsten Tag steigen wir durch das schöne Tal hinunter nach Cheia.
Zwischen Brădești und Cheia
Neugierig betreten wir das Grundstück der Sulimans; ein Holzschild am Zaun lädt ausdrücklich dazu ein. Gabriel freut sich sehr, uns wiederzusehen; wir wären schließlich die ersten Fremden gewesen, denen er von seinen Plänen erzählt hätte. Stolz führt er uns herum, und das, was in drei Jahren entstanden ist, kann sich sehen lassen: Zwei Strohdachhäuser haben die Sulimans von anderen Stellen im Ort hierher umgesetzt und erneuert (Bedarf an Stroh: etwa 40 gepresste Rollen pro Dach). Und fast alles mit eigener menschlicher Arbeitskraft, der Hilfe von Freunden und Freiwilligen sowie dem Wissen und Können einiger weniger Handwerker, die noch die alten Bautechniken beherrschen. Das nötige Material wurde bei Niedrigwasser mit einem Quad durch die Schlucht Cheile Geogelului angefahren.
Ein umgesetztes und neu gedecktes Strohdachhaus
Das Interieur ist meist ebenfalls traditionell und stammt häufig aus verlassenen Häusern der Umgebung. Es hatte Gabriel Überwindung gekostet, sich dort zu bedienen; es ist hier Sitte, leerstehende Häuser einfach verfallen zu lassen.
Gabriel im derzeitigen Wohnhaus der Familie
Am oberen Ende des Grundstücks gackern Hühner in einem großen Freigelände. Gabriels Pferd läuft draußen frei herum; wenn er es braucht, muss er es suchen. Neuerdings gibt es auch eine Ziegenfamilie. Ein in den Hang gegrabener Keller ersetzt den Kühlschrank; die Wasserturbine im kleinen Bach nebenan reicht nur für ein paar LED-Lampen und ab und zu für den Laptop.
Auf dem Grundstück der Sulimans
Seinen ursprünglichen Plan, hier in Cheia mittels der – freilich instabilen – Funknetzverbindung weiter über das Internet als Werbegrafiker zu arbeiten, hat Gabriel längst aufgegeben; dazu sind einfach zu viele handfeste Dinge zu tun. Sulimans leben von dem, was sie selbst ernten, sowie von den Rücklagen des Wohnungsverkaufes.
Familie Suliman vor einem ihrer neuen Häuser
Bald soll auf dem Gelände das eigentliche Wohnhaus der Familie entstehen; dann werden die jetzt schon vorhandenen beiden Häuser als bewohnbares Freilichtmuseum dienen. Darin wird man hautnah erleben können, wie sich ursprüngliches Leben anfühlt – Event-Urlaub, wie man das wohl auf Neu-Deutsch nennt. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Ansonsten will die Familie das tun, was sie jetzt schon macht: Obst und Gemüse anbauen sowie einige Tiere halten. Die Arbeit jedenfalls wird so schnell nicht ausgehen…
Der in den Hang gegrabene Keller
Bleibt die Frage, was hier die beiden Kinder der Sulimans machen: David (10) und Alisa (6). Andere Kinder wohnen nicht in Cheia. Die beiden scheinen sehr froh, dass wir unsere beiden Kinder mithaben, mit denen sie ein bisschen herumtollen können. Im Sommer passiert so was öfters; im Winterhalbjahr kommt oft für Wochen oder Monate niemand vorbei. Und was ist mit der Schule? Der Bürgermeister von Râmeț würde die beiden Kinder gern in der an Schülermangel leidenden Grundschule der Gemeinde sehen. Es gibt sogar einen Schulbus. Aber der fährt natürlich nicht nach Cheia. So bliebe nur das Internat. All das ist mit EU-Mitteln finanziert. Aber Internat? Das wollen die Sulimans nicht. Die Lösung ist (formal gesehen) einfach: In Rumänien ist – anders als in Deutschland – „Homeschooling“ erlaubt. Und das tut Cristina mit ihren Kindern. Jeden Tag, auch wenn die „richtigen“ Schüler Ferien haben. Später, wenn sie das entsprechende Alter haben, sollen David und Alisa vielleicht aufs Gymnasium in Hermannstadt gehen. Und damit dann doch ins Internat.
Gabriel mit seinem Sohn und unseren Kindern beim Aufrichten eines Heuschobers
Einsamkeit ist also durchaus ein Thema bei Sulimans. Zumal das Zusammenleben mit einigen der übrigen vier verbliebenen Dorfbewohner – sagen wir mal – nicht ganz spannungsfrei ist. Und das liegt eher nicht an der zugezogenen Familie… Auch deshalb freuen sich Sulimans über vorbeikommende Wanderer. So sehr, dass Gabriel extra die Markierung eines Weges von der anderen Bachseite auf sein Grundstück verlegt und einige Brücken repariert hat. Bereitwillig zeigt er allen Interessenten das Gelände und auch das Innere seiner Häuser. Ein Schild in Rumänisch und Englisch erläutert Einzelheiten zur Geschichte und zur Bauweise der Häuser. Nein, Soziophobiker sind Sulimans nicht. Gern würden sie es sehen, wenn sich andere Familien hier niederlassen würden. Bisher gab es nur unverbindliche Interessenten, die irgendwann wegen der Aussicht auf die viele Arbeit und die Einsamkeit wieder verschwanden.
Blick ins Tal von Cheia
Auch wir müssen uns nach drei Tagen von Gabriel, Cristina und den beiden Kindern verabschieden. Nach der Durchwanderung der Râmeț-Schlucht, der Besichtigung des Râmeț-Klosters und einer Busfahrt sitzen wir einen Abend später in einem wirklich edlen Restaurant in der Kreishauptstadt Alba Iulia. Aus den Boxen säuselt Musik. Von draußen tönen die üblichen Geräusche der Stadt. Flimmerwerbung blinkert durch die Fenster. Am kommenden Morgen wird uns der Zug zurück nach Deutschland fahren. Ein bisschen Cheia wäre jetzt nicht schlecht.

Bilder und Geschichten (rumänisch) vom Umbau der Strohdachhäuser:
https://www.facebook.com/SatulCheia/