Retezat im August 2017

von Lorenz Bösl und Simon Kalmbach
Nach einer langen Wanderung - vom Vârful Custura aus über Bergrücken, durch wegloses Bergkiefergestrüpp und dann talwärts ohne wirkliches Ziel - beschließen wir, die Nacht im Wald zu verbringen. Es ist spät, unsere Kräfte neigen sich dem Ende und es beginnt zu nieseln. Nach dem Essen suchen wir Unterschlupf unter zwei gewaltigen Tannen, die uns mit ihren Ästen ein Dach bieten sollten. Erschöpft spannen wir eine Plane über uns auf und schlafen darunter ein, in der Hoffnung, der Regen möge sich bald legen.
Inmitten der Nacht wachen wir völlig durchnässt auf. Eine enorme Wasserbeule liegt in der Plane über uns, die beim Versuch, sie wegzudrücken natürlich auf uns landet. Simon versucht noch das Wasser im Schlafsack zu ignorieren, als ich auffahre und anfange zu packen. „Wir müssen los! Hier schwimmen wir davon.“
Da ich keine Regenjacke (?!) im Gepäck habe, improvisiere ich und wickle mich mitsamt Rucksack in eine Plane ein; angesichts der klammen Feuchtigkeit inzwischen eher eine symbolische Geste. Die Stirnlampe hält alles irgendwie zusammen und ist die einzige Lichtquelle.
In der Dunkelheit laufen wir los, in die Richtung einer auf der Wanderkarte eingezeichneten Hütte – doch in diesem Zustand ist es quasi unmöglich, sich zu orientieren und so folgen wir eher einem Bauchgefühl. Es regnet in Strömen. Wir laufen weiter runter ins Tal und erreichen nach einigen Stunden in der Dämmerung den Zaun eines Hofs - ein Anblick, der uns mit Freude und Erleichterung erfüllt.
Wir öffnen das Gatter, gehen auf das Haus zu und werden sofort von einer Meute laut kläffender Hunde umzingelt. Ein Schäfer in Hut und Warnweste kommt auf uns zu. Er sagt etwas für uns Unverständliches und wir antworten mit den Händen, mit denen wir ein Dach formen. Er bedeutet uns ihm zu folgen und bittet uns herein.
Wir hängen unsere triefenden Schlafsäcke unter dem Vordach auf, in der Stube werden für uns große Scheite aufs offene Feuer gelegt, an dem wir unsere Klamotten trocknen und uns aufwärmen können.
Die Frau des Schäfers macht uns süßen Kaffee und bereitet das Frühstück vor – Mămăligă. Ein Brei, der aus Maisgrieß und Wasser in einem Topf über dem Feuer zubereitet wird. Es gibt außer einem Sessel, einigen Schemeln und einem Tisch alles, was man zum Schafskäse machen braucht. Eine Glühbirne macht ein wenig elektrisches Licht, die Wände sind gefliest, der Boden gestampfte Erde und Stein. Der hölzerne Dachfirst glänzt rußschwarz.
Es wird laut zum Frühstück gerufen und wir essen alle zusammen den Maisbrei mit etwas Gemüse, Schafsspeck und natürlich selbst gemachten Brânza de Oi (Schafskäse). Nachdem wir satt und wieder einigermaßen trocken sind, über rumänische und französische Taschenmesser gefachsimpelt und einen Verdauungsschnaps getrunken haben, danken wir allen herzlich für die rettende Gastfreundschaft.
Dann fährt uns ein Verwandter der Schäfer mit dem Auto ins Tal. Die abenteuerliche Fahrt über holprige, erodierte Serpentinenwaldwege endet in Uricani. Von hier aus gibt es einen Minibus nach Petroșani, die „Stadt der Kohle“, wo ich mir im nächsten Secondhand-Laden eine Regenjacke kaufe. Trotz, oder vielleicht gerade wegen der Unannehmlichkeiten und Entbehrungen, die wir auf unseren Wanderungen auf uns nehmen, bleiben sie uns als glücklich erlebte Momente in Erinnerung.
Schöne Bescherung!
Simon, Lorenz und ein Hund namens Chicha