Hilfe, die Chinesen kommen!

Text: Angelica und Günther Krämer Fotos: Hans-Peter Seitz
Wir sind wieder mal zu Gast bei Ileana und Mihai Petreuş in Poienile Izei, einem etwas abgelegenen kleinen Dorf in einem Seitental des Iza-Tales in der Maramureş. Täglich wandern wir durch Blumenwiesen, besichtigen schöne alte Holzkirchen, nehmen am Dorfleben teil und machen neue Bekanntschaften mit der Dorfbevölkerung.
Ileana bewirtet uns wie immer perfekt mit allem, was Bauernhof und Garten hergeben, Mihai liest uns jeden sonstigen Wunsch von den Augen ab. Abends sitzen wir im Pavillon gemütlich beisammen.
Aber heute ist ein besonderer Tag. Mihai wienert den uralten Rechtslenker-Geländewagen, den er aus Irland importiert hat, auf Hochglanz. Ileana lässt sich nicht blicken, hat uns aber vorher mit allem versorgt, was zu einem schönen Abend gebraucht wird: Leckere Grießklößchensuppe, Sarmale, selbstgebackenes Brot, Papanaşi, Ursus-Bier, selbstgebrannter Ţuica und feine Liköre.
Dann aber erscheinen beide wie aus dem Ei gepellt in ihrer Maramureş-Tracht. Natürlich müssen wir das mit der Kamera festhalten, und stolz präsentieren sich Ileana und Mihai, ehe sie in ihren Wagen steigen und losfahren. Sie sind nämlich zu einer Hochzeit eingeladen.
Es wird allmählich dunkel und bei uns im Pavillon immer lustiger. Plötzlich aber rauschen vier Autos mit tschechischen und slowakischen Kennzeichen in den Hof. Chinesinnen und Chinesen steigen wie in einer Flutwelle aus den Autos, verbreiten sich im Hof, rennen in unsere Zimmer, benutzen unsere Bäder, reden aufgeregt, aber für uns völlig unverständlich, durcheinander. Was ist da nur los?
Nach einer Phase der Fassungslosigkeit versuchen wir uns mit den Chinesen zu verständigen. Wir bekommen unter großen Schwierigkeit heraus – eine der Chinesinnen ist anscheinend Englischlehrerin, aber sie kann nur wenig besser verständlich Englisch sprechen als wir Chinesisch -, dass die Gruppe mit Mietwagen aus Tschechien und der Slowakei auf Europatour ist und einen Tag in der Maramureş verbringen will, natürlich wegen der UNESCO-Welterbe-Holzkirchen. Dabei fuchtelt die Dame mit einer schon älteren Buchungsbestätigung von booking.com herum. Sehr fordernd insistiert sie, dass wir unsere Zimmer räumen und ihnen Platz machen sollen.
Durch das Geschrei sind Nachbarn aufmerksam geworden, Kinder und Erwachsene. Mihais Vater kommt, dazu Ileanas Haushaltshilfe. Jeder und jede bringt einen anderen Vorschlag in die Diskussion. Die Chinesen bestehen jedoch darauf, sich hier einzuquartieren. Wir versuchen gemeinsam im Dorf genügend Zimmer für sie aufzutreiben. Das ist im Urlaubsmonat August sehr schwierig. Was tun? Sollen wir Ileana und Mihai auf dem Hochzeitsfest stören? Wir werden die Chinesen einfach nicht los.
Gott sei Dank haben wir die Mobiltelefonnummer von Ileana. Anruf. Nach 20 Minuten erscheinen unsere Gastgeber, eindrucksvoll in ihrer Tracht, sogar die Chinesen sind beeindruckt! Ileana kann nachweisen, dass sie die Zimmer schon vor längerer Zeit bei booking.com abgemeldet hat. Dennoch versucht sie, die Chinesen irgendwo im Dorf in verschiedenen Häusern unterzubringen.
Schließlich ist es schon stockdunkel, da kann man als gastfreundliche Rumänin die Herbergssuchenden nicht einfach draußen stehen lassen. Irgendwann erkennen die Chinesen, dass sie hier bei uns nicht übernachten können und ziehen ab. Wo sie untergekommen sind? Wir wissen es nicht.
Ileana und Mihai kehren zurück zum Hochzeitsfest. Wir diskutieren noch eine Weile untereinander und mit Ileanas Mädchen. Allmählich wird es wieder angenehm leise. Poienile Izei hat wieder zur Normalität zurückgefunden. Die Chinesen-Invasion konnte noch einmal abgewehrt werden.
Lustwandeln
Via Carpatica