Am Schwarzen Meer

von Michaela Nowotnick

Ein perfekter Sommertag. Wir liegen im Schatten von Tanti Claudis Betttüchern, die zwischen VW-Bus und zwei Stangen gespannt sind. Bücherfresser sind wir, ab und an geht die Hand in die Crackertüte, um uns herum eine Strandruhe, wie sie nur an schlecht erreichbaren Küstenabschnitten sein kann. Es gibt praktisch nichts, keinen Laden, keine Musikbeschallung, keinen Baum, niemand, der aufpasst, dass Regeln eingehalten werden. So wird gegrillt und gekocht, man geht schwimmen oder dümpelt auf Klappstühlen am Wasser herum. Die Autos, die bis an den Strand parken, sind zu Wohnmobilen umfunktioniert. Einige schlafen auch in Lieferwagen, bei denen die Hecktüren offen stehen. Die Anreise an diesen nördlichsten Punkt des rumänischen Meeres, der mit dem Auto erreichbar ist, war etwas beschwerlich. Vorbei an Bettenburgen, die wir meiden wollten, an einer ins Wasser gebauten Raffiniere und dann immer geradeaus auf die große Industrieruine zu, von der wir später erfahren werden, dass man dort einst Uran aufbereitete.
Tanti Claudi hatte am Telefon gesagt, wir sollten einfach nach ihr fragen. Leider ist sie im Ort weniger bekannt, als sie denkt, was bei ihrem Anblick, den blondierten Haaren, die auf ein Katzen-T-Shirt fallen, das über einer pinkfarbenen Leopardenleggings spannt, unvorstellbar ist. Im Sommer lebe sie hier, im Winter bei ihrer Tochter in Florida, sagt sie, als sie uns auf den Weg zur Obstverkäuferin schickt. Die staubigen Straßen entlang, über uns die Gluthitze, nur schnell ans Meer. Leider finden wir die Obstverkäuferin nicht, ach ja, fällt es Tanti Claudi später ein, die ist Adventistin, die Gute, und arbeitet am Sonnabend nicht. Na, macht nichts, morgen bekommen wir von der Nachbarin alles, was wir brauchen. Jetzt also Cracker aus einem der beiden Magazins im Dorf.
Mein Blick fällt über das Meer, Kampfjets zerreißen die flirrende Stille. Dort hinten irgendwo ist die Krim, zu der man wohl in nächster Zeit nicht mehr wird fahren können. Und Odessa, wohin ich einst mit einer Freundin reisen wollte. In die Ukraine, am Strand sitzen, die Potemkinsche Treppe sehen. Es wurde eine aus mehreren Gründen unvergessliche Reise. Unsere Vorbereitungen bestanden aus einer Internetrecherche, die aufgrund mangelnder Informationen und vor allem mangelnder Lust recht kurz ausfiel. Wir wollten etwas erleben und was sollte schon passieren, immerhin hatte uns der wacklige T 3 schon von Berlin bis hierher nach Rumänien gebracht. Ein befreundeter Rumäne sah unserem Unternehmen nicht ganz so locker entgegen, die Ukraine sei nicht Rumänien, da wohnen Verbrecher: zwei blonde Frauen, noch dazu mit einem Auto, vom Hund ganz zu schweigen. Man würde uns schon vor der Grenze überfallen, schon weil wir kein Wort Russisch sprächen. Wir nickten ab, nahmen aber doch die Liste mit, auf denen er uns Adressen und Telefonnummer notiert hatte, die einmal wichtig werden könnten. Die Botschaft, eine deutsche Gemeinde in Odessa, ein Kloster und einige Wörter Russisch, deren Aussprache wir vorher üben mussten.
Voller Tatendrang ging es in den Norden Rumäniens, wo wir über Jasy in die Republik Moldau einreisen wollten und von dort aus weiter nach Odessa. Leider waren wir zwar auf die Ukraine vorbereitet, hatten aber keine Umgangshinweise zu den moldawischen Grenzposten erhalten. Mit einem Maschinengewehr in der Hand nahmen sie unsere Pässe entgegen, sahen uns an, den Hund, das Auto. Wo wir hinwollten bellten sie auf Rumänisch. Nach Odessa, unsere Antwort. Vorher nach Chișinău, der moldawischen Hauptstadt. Wenn man schon mal da ist … Geht nicht, das Auto wäre nicht auf meinen Namen zugelassen und damit dürfen wir nicht einreisen. Das saß. Was wir tun könnten, vielleicht die Vollmacht per E-Mail schicken lassen? Ja, das ginge, so der Grenzposten, der gelangweilt in seinem Häuschen saß und in seinen Computer starrte. Könnte ich vielleicht von hier aus aufrufen, wagte ich den Vorstoß. Nein, kein Internetanschluss.
Gut, zurück in das etwa 20 km entfernt liegende Jasy. Zwischendurch meine Mutter kontaktiert, die gerade Unterricht gab und erst verstand, dass ich in Odessa festgenommen worden sei. Nein, nein, die Vollmacht bräuchte ich lediglich, bitte als Mail, wenn möglich auch in russischer Übersetzung, es wären doch bestimmt Russischlehrer in der Schule. In Jasy, der Stadt ohne Straßenschilder, waren wir bald auf der verzweifelten Suche nach einem Internetcafé, dessen Adresse und einen Stadtplan wir im Informationszentrum erhalten hatten. Endlich, das ersehnte Dokument, ohne Stempel zwar, aber davon hatte ja auch niemand etwas gesagt. Zurück zur Grenze, die Rumänen mussten uns erneut kontrollieren. Man sprach uns Mut zu, als man das Auto ausleuchtet: In Moldova everything is possible. Mit größtmöglicher Freundlichkeit gaben wir unsere Pässe und die Vollmacht den moldawischen Grenzern, vier Stunden Zeit verloren, was soll’s, heute Abend würden wir bei einem Bier darüber lachen. Die gute Stimmung allerdings sollte schnell verfliegen, als uns eine Flut an russischen Wörtern überrollte. Wir können kein Russisch, bitte Rumänisch. Nein, das würde hier nicht gesprochen, gab man uns zu verstehen und deutete auf einen Betonplatz, auf den wir uns stellen sollten.
Dort standen wir nun und warteten. Nach einer halben Stunde fragten wir nach dem Stand der Dinge und bekamen keine Antwort. Nach einer Stunde verlangten wir unsere Pässe zurück. Das wurde uns verwehrt. Ein Anruf in der Botschaft der Republik Moldau in Berlin blieb erfolglos, wenn man ihnen die Ausweise schon weggenommen hat, können wir auch nichts machen. So warteten wir und fragten uns, ob es nicht doch ein Fehler war, kein Geld in den Pass zu legen. Nach einer weiteren Stunde fragte ich erneut, keine Reaktion. Auch „Ich würde gern Ihren Vorgesetzten sprechen“, prallte an den Uniformierten ab. So beschlossen wir, auf eigene Faust das Grenzgebiet zu durchstreifen, viel blieb uns ja auch nicht übrig. Man hielt uns fest – endlich eine Reaktion – und schob uns in einen kleinen Raum. Nun saßen wir einem Mann gegenüber, der wundersamer Weise Englisch mit uns sprach. Wo wir denn hinwollten. Ans Meer, nach Odessa und eine Nacht Aufenthalt in Cișinău. Ach, Touristen?, fragte er erstaunt. Das wäre jetzt natürlich schade, denn es läge nicht an ihm, aber unsere Daten seien schon im System. Damit wären wir für die nächsten Jahre zur Einreise in die Republik Moldau gesperrt. Aber Rumänien sei ja auch ein sehr schönes Land. Immerhin bekamen wir unsere Ausweise zurück und fuhren nun ein viertes Mal an den rumänischen Grenzern vorbei, die meinten, das Donaudelta sei ein wirklich schöner Ort, um Urlaub zu machen und vor allem, es sei ganz in der Nähe.
Am nächsten Morgen stand der Entschluss fest, auf ins Donaudelta. Auf der Straßenkarte war entlang eines Kanals eine dünne Linie zu erkennen, eindeutig eine Straße, die durch die Sumpflandschaft ans Meer führt. Nur dort wollten wir hin, Sulina lautete der neue Ort der Verheißung. Nach der Autofähre ein letzter Stopp in einem kleinen Magazin, Proviant gekauft und eine große Wassermelone, so groß, wie sie nur unter südlicher Sonne werden kann.
Wir fragten, ob man mit dem Auto bis nach Sulina fahren könne, immerhin ist es ja nur eine kleine Straße auf der Landkarte. Natürlich, antwortete man uns. Diese Frage würden wir noch drei weitere Male wiederholen, die Antwort war immer dieselbe: Aber klar, immer geradeaus, irgendwann kommt ihr ans Meer. Und so fuhren wir frohen Muts am Kanal entlang, bewunderten Fischreiher und Pelikane sowie einen Ort, der Partizani heißt. Eigentlich gar nicht so schlimm, dass wir nicht nach Odessa gefahren sind, dachten wir, aber da waren wir auch noch auf der Schotterpiste. Vielleicht hätten wir besser auf den Weg achten sollen, wahrscheinlich hätten wir gar nicht ins Delta fahren sollen, denn es kam, wie es kommen musste: Hinter uns nur noch ein Ackerstreifen, vor uns nichts als Wiese, Sumpf und Wasser. Ratlosigkeit machte sich breit, denn an welcher Stelle wir falsch gefahren sind, konnte nicht mehr herausgefunden werden.
Wenden war keine Option und so fuhren wir ein Stück rückwärts, wussten aber nicht wohin wir lenken sollten. In den Zeiten vor Smartphone und GPS, sogar ohne Internetempfang war diese Situation durchaus eine große Herausforderung. Eine Wassermelone später sahen wir in weiter Ferne einen Geländewagen: Unsere Chance, da mussten wir hinkommen. Nun ist ein VW-Transporter zwar ziemlich strapazierfähig, mitnichten aber ein Geländewagen. Beulen, Schrammen, Kratzer von herabhängenden Bäumen waren uns egal, nur wegsacken sollten wir nicht. Wir schafften es, fanden eine Sandpiste, die über Brücken und durch Uferwälder führte. Plötzlich erschien vor uns ein Gebäude, das sich als leibhaftige Pension herausstellte. Keine Fata Morgana, ein richtiger Ort, an dem wir schlafen, essen und sein könnten, gelegen direkt an dem Kanal, den wir irgendwann im Laufe des Tages als Orientierungsmarke verloren hatten.
Die Betreiberin war – vorsichtig ausgedrückt – sprachlos, als wir sie fragten, wo wir unser Auto parken können, normalerweise kämen Gäste nur mit dem Boot zu ihr. Unser Vorhaben, heute noch baden zu wollen, und sei es nur im Kanal, wurde von ihr mit noch größerem Erstaunen zur Kenntnis genommen. Und so rissen wir uns die Kleidung vom Leib, die Badesachen hatten wir in freudige Erwartung des Meeres schon seit dem frühen Morgen drunter, der Hund war bereits im Wasser. Am Abend saßen wir mit weiteren Gästen zusammen, einer Familie, die zum Fischen hier war. Genaugenommen war nur der Vater zum Angeln hergekommen, Frau und Kinder langweilten sich enorm und taten dies sehr wortgewaltig kund. Bei großartigem frisch gebratenen Donaufisch erzählten wir von unseren Abenteuern und mussten erfahren, dass es beileibe keinen Landweg nach Sulina gibt. Zumindest keinen, den wir mit unserem Auto fahren könnten oder sollten. Morgen früh würde aber jemand in Richtung Tulcea fahren, der Eingangsstadt zum Delta, wir sollten ihm folgen.
Dem tiefen Schlaf mit Mücken folgte ein üppig gedeckter Frühstückstisch, auf dem die Wasserflaschen vom Vortag standen. Leider nicht wie am Abend zuvor gefüllt mit Mineralwasser, sondern, wie wir später feststellen mussten, mit nicht abgekochtem Brunnenwasser. Man schenkte uns Geschirr aus der einstigen ortsansässigen Konservenfabrik, ein Gruß aus dem Kommunismus, und dann folgten wir dem Fischer in seinem Geländewagen zur Piste, die am Kanal entlang aus dem Delta führt. Auf dem Weg passierten wir ein leerstehendes Gelände, das von einem alten Maschendrahtzaun umgeben ist. Natürlich legten wir eine Pause ein, um das seit Jahrzehnten verlassene Gebiet zu durchstreiften und stießen hierbei auf Baracken mit Stockbetten, eine Kantine und Türme, vergleichbar mit leerstehenden russischen Kasernen in Brandenburg oder einer stillgelegten LPG. Hierzu passten – so dachte ich damals – auch die drei Buchstaben LAG über dem Eingangstor. Erst später werde ich von den Arbeitslagern im Donaudelta hören, in denen politische Gefangene unter furchtbaren Bedingungen Knochenarbeit verrichten mussten. Nicht wenige ließen hierbei ihr Leben, die, die zurückkamen, waren schwer traumatisiert. Ein LAGER, das ER war vom Tor gefallen.
Davon freilich ahnten wir nichts, wenngleich die Freundin meinte, ihr sei übel. Die Schlaglochpiste wahrscheinlich, lass uns weiterfahren. Schon bald folgte schwallartiges Übergeben, Krämpfe, wir mussten anhalten. Ich versuchte, ihr Wasser einzuträufeln, auch wenn sie es nicht bei sich behalten konnte. Panik stieg auf, um uns herum war nur das Delta, weit und breit kein Mensch zu sehen. Als es auf den Abend zuging, wurden die Abstände zwischen den Anfällen größer. Wir mussten unbedingt weiterfahren, denn die Wasservorräte waren aufgebraucht und hier konnten wir unmöglich bleiben. Mühselig kletterte die Freundin auf den Beifahrersitz, das Fenster offen, um jederzeit den Kopf nach draußen stecken zu können, was noch mehrmals nötig war.
Wir erreichten die Fähre und fuhren nach Tulcea, wollten nur noch eine Pension finden, was sich ohne Ortskenntnisse als nahezu unmöglich herausstellte. Neben mir stöhnte es, als ich plötzlich bemerkte, dass mir sämtliche Fahrzeuge entgegenkommen. Dem ersten Schrecken folgte die traurige Gewissheit, falsch herum in die Einbahnstraße gefahren zu sein. Schnell nach rechts abgebogen, leider kamen auch hier die Autos von vorn. Und, natürlich, hinter mir die Polizei, die mich nach der nächsten Biegung zum Stoppen brachte. Zwei Mal falsch gefahren, ich müsse den Führerschein abgeben, den könne ich mir in Deutschland wieder aushändigen lassen. Ich sah ihn entsetzt an, wie sollten wir nach Hause kommen? Die Freundin müsse fahren, oder aber wir sollten den Zug nehmen.
Womit der arme Polizist wohl nicht gerechnet hatte war, dass sich nun sämtliche Emotionen ihren Weg bahnten. Augenblicklich schossen mir die Tränen in die Augen und unter Schluchzen stammelte ich: Nach Odessa wollten wir, die Adresse vom Kloster hatten wir schon, dann die Grenzposten mit dem Gewehr und die Ausweise, die man uns abgenommen hat. Das Donaudelta und der verschwundene Weg, wir wollten doch nur ans Meer. Das Wasser, von dem ich nicht getrunken hatte und die Freundin, die nun wahrscheinlich sterben müsse. Keine Sekunde zu früh beugte diese den Kopf aus dem Autofenster und übergab sich auf die Fahrbahn. Panik jetzt beim Polizisten: Wo wir denn hinwollen? In eine Pension, rief ich laut und schob ein Schluchzen hinterher. Und dann geschah etwas, was so nur in Rumänien geschehen kann. Er gab mir die Papiere zurück und zeigte auf ein Gebäude, in dem sich eine Pension befand. Wir sollten nur schnell verschwinden.
Das Meer haben wir dann nicht mehr gesucht, sondern fuhren zur Rekonvaleszenz auf einen siebenbürgischen Pfarrhof. Am zweiten Tag konnte die Freundin schon wieder Zwetschgenknödel essen und wir waren alles in allem doch ganz zufrieden mit unserem Ausflug.
Daran muss ich denken, als ich auf dem Rücken am Strand liegend die Wellen beobachte. Erneut fliegen Jets über uns hinweg, die Badenden scheint das nicht zu stören. Später werden wir barfuß zum einzigen Fischrestaurant weit und breit gehen. Es steht direkt am Wasser und ist auf Holzbohlen gebaut, man kann von hier aus der Sonne beim Untergehen zusehen und kühlen Weißwein trinken. Vielleicht sollten wir uns morgen ins Auto setzen und der Schotterpiste folgen, die hinter unserer Unterkunft beginnt, möchte ich gerade den drei Mitreisenden vorschlagen, bevor ich mich besinne. Eigentlich ist auch schön, einen Urlaub zu machen, dessen größte Aufregung darin besteht, im Garten der Nachbarin Gemüse für das Strandpicknick zu ernten.