Welch ein Händlerglück!

von Karin und Ronny Göpfert

Freitag, der 06.10.2017, 10.00 Uhr
Es ist geplant, den Markt in Negreni zu besuchen. Negreni ist eine kleine Ortschaft im Kreis Cluj. Jedes Jahr findet hier am zweiten Wochenende im Oktober einer der größten (Bauern) Märkte von ganz Rumänien statt und soll als riesiges Fest begangen werden. So stehts im World Wide Web.
Übernachtung bei unseren Freunden in der Nähe von Paltin
Mit unseren Freunden bestücken wir den Sprinter, der über eine große Ladefläche innen sowie zwei Sitzplätzen verfügt. Geladen werden der „Heilige Klappstuhl“ (mein rechter Fuß ist gebrochen), vier weitere komfortable Klappstühle made in GDR, von denen zwei meiner Freundin und mir als Sitzplatz dienen, Klamotten und Hygieneartikel für drei Tage(nicht viel), Schlafsäcke, Iso- Matten, Tarp und Campingtisch, Pfanne, Grillaufsatz, Topf, Matratzen für die thüringer Freunde (diese schlafen im Auto wenn wir den Abstecher ins Trascului- Gebirge machen) und ein ganz lieber Hund namens Finn.
So etwas nennt sich reisefertig
Die Männer sitzen im Auto vorn und wir Frauen im Camping- Stuhl ziemlich verkehrswidrig dahinter. Mein gebrochener Fuß wird hochgelagert auf den „Heiligen Klappstuhl“. Die Tür auf der rechten Seite schließt nicht so ganz, der Gummi ist wohl aus der Fasson und manchmal riecht es stark nach Abgasen. Aber mit einer Zigarette(alles Raucher) und gut Lüften kann man viel übertünchen. Links ist der Wagen mit Blech zu, macht nichts, schauen wir eben nach rechts. Außerdem liegen ja nur 350 Km mit einigen Autobahnabschnitten von Sibiu nach Sebes vor uns, der Rest ist Landstraße.
Kurz vor Negreni klappern wir alle sichtbaren Pensionen ab, die sind aber ausgebucht. Wir fahren zurück ins ca. 30 km entfernte Huedin, wo wir in einer Zimmervermietung mit einer unter den einheimischen Jugendlichen angesagten Cafe- und Getränke- Bar fündig werden. Das Doppelzimmer kostet 100 Lei, wir checken für zwei Nächte ein. Fix die Klamottage aus dem Auto raus und ab auf den Markt. Es wird schon dunkel und ziemlich frisch.
Wir parken und stürzen uns ins Getümmel. Wir überqueren Bahnschienen, ja, der Markt wird von einer aktiven Zuglinie zerschnitten. Gleich zu Anfang steht ein Verkäufer mit leckeren Käse, wir versprechen morgen wieder zu kommen. Viele Händler haben schon zusammengepackt, es ist 19.00 Uhr und dunkel wird es auch (und kalt). Außerdem wollten wir uns heute auch bloß eine Übersicht verschaffen. Es gibt so etwas wie eine Hauptstraße, darauf befinden sich die meisten Essensstände. Wir stärken uns mit Schaschlik und Ciorba de fasole. Begleitend gibt es Tee und Tuica und Radler. Wir schlendern weiter an einer Art Rummel vorbei, schauen uns um und genehmigen uns noch einen Schnaps.
Zurück in Huedin gehen wir noch kurz in die Bar. Diese ist voll besetzt , alles stylisch gekleidete Jugendliche mit Streichelhandys. Wir trinken noch einen Absacker, aber ich glaube, ich bin schon weit runtergesackt. Mit letzter Kraft schleppe ich mich auf Krücken die zwei Etagen zum Zimmer hoch.
Nach einer erholsamen Nacht trinken wir einen guten Kaffee und ab geht’s in den Stau, der sich bis Negreni hinzieht. Wir parken weit vor dem Gelände auf der linken Seite, dort wo halt Platz ist. Die Teilnehmer des Pärchenwochenendes trennen sich, sprich unsere Freunde haben ein anderes Schlendertempo als wir. So muss mein Mann im Kaffeebohnen- Tempo neben mir herlaufen. Das Tempo lässt aber auch viel Zeit, alle Stände am Wegesrand zwangsläufig genau zu inspizieren, unter anderen einen Edelpelzhändler mit einer Chinchilla- Jacke (1000€ ).
Wir erstehen an einem Stand eine schöne Schaffellweste für 180 Lei, ich glaube aber, sie haart etwas. Da wir im Winter wieder auf unseren Berg nach Poiana Marului wollen, kann ich mich sehr gut in dieser Weste sehen. Hundert Meter weiter und ich erstehe zwei dicke Leggins ,die wohl für alte Frauen gedacht sind, mich aber sehr gut wärmen werden. Die Kraft in den Oberarmen lässt langsam nach, unser Lauftempo auch. Auf dem Weg zur Essensmeile (Hauptstraße) steht ein Mann mit einem Nymphensittich, welcher mit seinem Schnabel aus einer Holzkiste kleine gefaltete Zettel zieht. Ich weiß aber nicht was darauf steht, ich bin nur Zuschauer.
Vielleicht ein Orakel?
Wir treffen unsere Freunde und stärken uns mit Mamaliga und einer Art Gulasch. Mein Mann möchte noch eine Schaffelljacke erstehen, ich bleibe mit meinem Essen sitzen und die anderen schwärmen aus mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen und vorher die „Schnäppchen“ noch zum Auto zu schaffen.
Entscheiden Sie sich- JETZT!
Nach 90 Minuten!!! tauchen sie wieder auf. In der Zwischenzeit habe ich so meine Studien am Essensstand gemacht. Am Nachbartisch sitzt eine Roma- Großfamilie, die Männer sind dick und tragen sehr große, goldene Ringe, die Frauen sind auch dick, in bunte Kleider gehüllt und zeigen ebenfalls ihre herrlichen großen goldenen Ohrringe. In regelmäßigen Abständen kommen bettelnde Roma- Menschen und Gehbehinderte vorbei. Sie fragen nach Geld. Liegengelassenes Essen an anderen Tischen wird weitergegessen. Die Roma- Familie gibt ihren Landsleuten nichts ab. Es kann nur reiche Menschen geben wenn es auch arme Menschen gibt, so sind meine Gedanken. Ein Pärchen an einen anderen Tisch desinfiziert sich vorm Essen die Hände. Ich sitze hinter dem Grill, lasse mich in regelmäßigen Abständen vollnebeln und getraue mir nicht, den Platz zu verlassen; was, wenn meine mitreisende Gesellschaft mich nicht mehr findet? Ja wo bleiben die denn bloß? Die gönnen sich eine ganz schön große Auszeit von mir! Schade, dass ich hier nichts brauche...
Nach der Wartezeit ziehen mein Mann und ich wieder los. Es geht über eine Brücke und es gibt nichts, was es nicht gibt, außer Tiere, die habe ich nicht gesehen. Aber macht nichts, im Sommer waren wir in Sinca Veche auf dem Pferdemarkt, da wurden viele Tiere recht abenteuerlich verkauft, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte... .
Hier schlägt das Folklore- Herz schneller, höher, weiter!
Wie gern würde ich von Stand zu Stand schlendern , viele Klamotten anprobieren die ich plötzlich interessant finde, in Deutschland aber garantiert aus meinem Kleiderschrank aussortiert hätte und meinem Sohn mit nach Leipzig (OT Plagwitz) in den Umsonst-Laden gegeben hätte. In diesen Läden gibt man Sachen ab und wenn man etwas braucht nimmt man sich das mit, ganz ohne Bezahlung.
Aber ich habe mit mir zu tun, ich muss meinen Körper auf zwei Krücken, hopsend auf den linken Bein von A nach B bringen.
Die Schockolade schmeckt übrigens sehr gut!
Die Stimmung zwischen meinem Mann und mir ist etwas angespannt und die Zeiten, in denen der „Heilige Klappstuhl“ aufgestellt werden muss werden immer kürzer. Ich wusste nicht, dass meine Brustmuskulatur so untrainiert ist. In meiner Vorstellung benötige ich so einen BH wie ihn die Sängerin Madonna in einem Video trägt, so einen mit spitzen Tüten... .
Ich raste also bei einem Stand und mein Mann läuft einige Reihen ab, schließlich sind wir noch auf der Suche nach einer kurzen Hängeleuchte für unsere Cabana.
Wer hier keene Bodden findet, na isch wees och nisch....
Nachdem wir an unzähligen Schuhständen vorbeigekommen sind werden wir fündig. Ein Verkäufer, der uns nach dem Kauf einer 20 € kostenden Lampe zu einem selbst gebrannten Obstler einlädt, erzählt uns im doch guten deutsch, dass er aus Oradea kommt und in Sibiu als Kind deutsch gelernt hat. Er zeigt uns auf seinem Telefon seine Katzen und seinen Hund. Wir gehen mit vielen Glückwünschen auseinander und an einem Zelt vorbei, in dem drei Musiker spielen.
Wir bleiben an einigen Ständen und erstehen vier Tischdecken und etwas Folklore für unsere Cabana, welche, während ich diese Zeilen schreibe, schon formschön hängt. Ja, so etwas füllt mein Auge!
Zurück wird es für mich immer schwieriger, ich habe so einen Muskelkater, dass ich miauen könnte. Heimlich setze ich meine Ferse auf, der Gips beginnt zu bröckeln.
Nach Stunden treffen wir unsere Freunde wieder, auch sie sind etwas erschöpft. Es wird schon dunkel, wir wollen noch etwas essen. Ich wünsche mir Bohnensuppe, mein Mann eilt los und bringt sie mir serviert: eiskalt. Ich nehme drei Löffel und esse die Reste des Menüs unserer Freunde. Und wieder bleibe ich zurück, die anderen gehen auf die Zielgerade nach Schnäppchen, schließlich möchten wir noch einen Spiegel für unsere Cabana. Mein Mann bleibt am längsten weg, alle sind etwas gereizt, wollen nur noch in die Pension.
Ich friere stark, seit zwei Tagen bin ich am linken Fuß mit einer Sandale und rechts mit zwei Socken, die durch das heimliche Aufsetzen schon Löcher haben, unterwegs. Ich stelle mir vor, wenn jetzt mein Fuß amputiert werden würde, würde kein Blut fliesen, so kalt ist mir.
Endlich rücken mein Mann und ein Spiegel in Sichtweite und wir können die Fahrt zurück nach Huedin antreten.In der angesagten überfüllten Bar nehmen wir noch ein Heißgetränk zu uns und ab ins Bett.
Auflistung der von uns erstandenen „Schnäppchen“:
vier Tischdecken (Folklore) Schafwollsocken eine Deckenlampe mit Porzellan und Messing zwei Oma- Leggins ein Spiegel ein mondäner Handtuchhalter Käse Naschwerk vier volle Mägen zwei Würste, die aber einen Tag später dem lieben Hund Finn gegeben wurden- aber das ist schon wieder eine andere Geschichte...
Zusammenfassend muss ich sagen: Zwei Tage sind für diesen Markt zu wenig, man sollte sich auf das Feeling einlassen und treiben lassen. Es gibt keine bösen Worte (oder mein Rumänisch reicht nicht zum Verstehen).
Es herrscht eine ungeheure Vielfalt an Angeboten und den Menschenmassen nach zu urteilen auch für alles eine Nachfrage. Trotz der vielen Menschen ist die Atmosphäre sehr entspannt. Der Besucher sollte neugierig und vorurteilsfrei hier ankommen und unser deutsches Stressgebaren ist hier vollkommen fehl am Platz. Jede Gesellschaftsschicht ist vertreten..
Wir sind nächstes Jahr auch wieder da, schließlich brauchen wir für den Schlafraum in unserer Cabana noch etwas Folklore.... .
Und hier kommt eine kleine Aussicht auf den Campinausfug ins Trascului- Gebirge...
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