Bulbuc - Butterblume trifft auf Weltpolitik ...

Wilhelm Scherz / www.karpatenwilli.com








Wir blicken auf das malerische Bergdorf Bulbuc mit seinen zwei prägnanten Kalkbuckeln, der Piatra Mare (linksseits) und der Piatra Mica. Dieses Karstgebiet und jenes der nahen Piatra Tomii waren der Ausgangspunkt meiner Neugierde. Wie all zu oft waren Vorrecherchen auf diversen Landkarten dafür verantwortlich. Aber beginnen wir einmal ganz von vorn: ...

 ... Im Frühjahr 2012 startete ich zusammen mit meiner persönlichen Rumäniendiva Gudrun Pauksch für drei Wochen erneut nach Rumänien. Es war wieder einmal eine dieser Kultur- und Entdeckungsreisen, bei der es uns gelang, das Zielgebiet auf zwei Regionen einzugrenzen. Zuerst verbrachten wir eineinhalb Wochen in der rumänischen Moldauregion im Nordosten des Landes. Im Anschluss daran ging es im Eiltempo ins Apuseni-Bergland. Hier besuchten und erkundeten wir ebenfalls zahlreiche Gebiete. Auf den letzten Tagen unserer Erlebnisreise stießen noch Hans und Thomas zu uns. Und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zu dem geheimnisvollen Bergdorf namens Bulbuc ...








"Was wollen wir dort?" - so die Anfrage eines unserer Mitreisenden. Ja, also was wollen wir dort ... 

Eine Reise in ein isoliert gelegenes rumänisches Bergdorf kommt dem Öffnen eines Päckchens zur Zeit der Bescherung am Heiligen Abend ziemlich gleich. Man weiß nie, was einen erwartet :-) !!! Im Internet liefen die Recherchen vorab zu jener Zeit vollkommen ins Leere, nur über Google Earth war das Terrain ein wenig zu erkunden. 

Wir fuhren zunächst auf einer asphaltierten Straße nördlich des Mures entlang. Ganz in der Nähe befindet sich der Abzweig nach Geoagiu-Bai. Im nächsten Ort namens Bacainti nehmen wir den Abzweig in die Berge hinauf. Der Hauptweg zur Gemeinde Ceru-Bacainti ist noch befestigt, aber dann kam es faustdick, denn die Anfahrt über Curpeni und Viezuri verlief über unbefestigte Fahrwege. Das letzte Stück hinauf nach Bulbuc erforderte dann aber wirklich gute Fahrkünste. ... 

Typisch für viele Häuser der Gemeinde Ceru-Bacainti ist die lockere Steinbauweise. Hier in den tieferen Zugangstälern herrscht ein leicht zu bearbeitender Sandstein vor, der für die Häuser, Ställe und Grundstücksmauern als Baumaterial dient. Diese jahrhundertealte Bauweise findet man so komplex nur noch in wenigen Regionen Rumäniens vor. Unmittelbar am Fuße der Piatra Mare konnten übrigens einstige Behausungen aus der Dakerzeit (1. Jh. v. Chr.), sowie der späteren Römerzeit (1. Jh. n. Chr.) nachgewiesen werden. Die römischen Bauten dienten aber vorrangig militärischen Zwecken. 

Das Gemeindezentrum Ceru-Bacainti, zu dem Bulbuc heute gehört,  entstand wahrscheinlich erst im 18. Jahrhundert in Folge der Siedlungsausdehnung der am Fuße der Berge befindlichen Ortschaft Bacainti. Über Bacainti findet sich eine erste Datierung aus dem Jahr 1278. Die Siedlung Bulbuc findet bereits als Ortsbezeichnung (Handel / Warenverkehr) im Jahr 1513 Erwähnung. 










Über Bulbuc blicken wir auf die nördliche Erhebung des Vf. Magurii. Auf den alten Josephinischen Karten, welche in der Zeit zwischen 1763 - 1785 gefertigt wurden, finden wir diese Erhöhung unter der geheimnisvollen Bezeichnung "Gericht". Angeblich wurden hier im 18. Jahrhundert Gerichtsurteile durch Erhängen vollzogen. Mehrere Bergpfade führen von Bulbuc hinüber nach Valea Mica. Bulbuc finden wir auf der Josephinischen Karte unter der Bezeichnung "Bulbuk", was der ungarischen Ortsbezeichnung damaliger Zeit entspricht. Zu dieser Zeit gab es in Bulbuk 30 registrierte Haushalte und eine Holzkirche. 

Im Topographischen Post-Lexikon aller Ortschaften der k. k. Erbländer (Wien 1804) finden wir über Bulbuc vermerkt: "Bulbuk, Buldorf, Bilbúk, Siebenb. jens. der Maros, Hunyad. Gespann Al-Gyögy. ... ein mehr. adel. Besitzern gehöriges, zwischen Gebirgen liegendes wallach. Dorf, mit einer griech. nicht unierten Pfarr., 2 Stunden von Siboth. ..." ... Zu jener und auch späterer Zeit war hier die Vieh- und Weidewirtschaft stets vorherrschend und bestimmte einzigst das Leben der Menschen. 








Unsere erste Kontaktaufnahme zu Einheimischen fanden wir bei den höchst gelegenen Höfen. Die Bäuerin war gerade mit der Herrichtung des Kartoffelackers beschäftigt. Permanent leben hier oben ganzjährig nur noch 6 Familien (2012). In den Sommermonaten betreiben weitere Bewohner noch ihre saisonale Land- und Weidewirtschaft. Im Jahr 2002 zählte Bulbuc noch 25 Einwohner. 






Fast wie ein Spiegelbild, so erscheint dieser Schnappschuss inmitten einer ländlichen Idylle. Außerhalb ihrer "Dienstzeiten" genießen die Pferde hier ein hohes Maß an Freiheit. 








Blick durch´s Teleobjektiv über den Höhen bei Bulbuc auf die nahe Piatra Tomii. Es ist nur ein kurzer Fußmarsch. Auf etwa halber Strecke, auf den Höhen der Wasserscheide,  gibt es einige flache kleine Hügel. Es sind Begräbnisstätten aus der Bronzezeit. Von den Höhen über Bulbuc sind es nur 2 km zu Fuß hinüber zur Piatra Tomii. Verlaufen kann man sich auf den übersichtlichen Hochweideflächen nicht. 








Piatra Tomii

Die Umgebung dieses markanten, sich aus der Hügellandschaft erhebenden Kalkfelsens, war bereits seit der Jungsteinzeit besiedelt. Zahlreiche Keramikfragmente aus der Cotofeni-Kultur (Esero-Kultur / frühe Bronzezeit) wurden in unmittelbarer Nähe des Felsens geborgen. Zudem konnten Begrenzungsmerkmale prähistorischer Behausungen nachgewiesen werden. Auch bei der nahen Piatra Mica in Bulbuc wurden Keramikfragmente aus der Cotofeni-Kultur entdeckt. 






Blick von der Piatra Tomii (851 m) auf die Valea Blandiana. Rechtsseits schließt sich ein nach Süden verlaufender Bergrücken an. Ein unbefestigter Kammweg führt über ca. 3 km zu einem kleinen orthodoxen Kloster, welches etwa im Jahr 2010 gegründet wurde. Einige Mönche leben hier von der Landwirtschaft. Eine Kirche haben sie bisher noch nicht gebaut, ihre Messen finden in dem im Wohnkomplex befindlichen Paraclis statt. Frauen ist der Zutritt zum Kloster verwehrt. ...







Hans und Thomas blicken von der Piatra Tomii auf den Ort Racatau (Comuna Blandiana). Links im Bildhintergrund erhebt sich der Vf . Mare (1010 m). Nach aktueller Statistik leben in Racatau noch 35 Einwohner. 

Die kreidezeitlichen Kalkschichten, welche wir hier bei Piatra Tomii, Piatra Mare und Piatra Mica vorfinden, stehen in direktem Verbund mit jenen der nahen Schluchten des Geoagiu-Beckens.








Zurück in Bulbuc durchstreifen wir das Streudorf mit seinen teils versteckt gelegenen Höfen. Wir lernen weitere "Bulbucenii" kennen.  Hier werden gerade die Schafe eines Bauern geschoren. Oft hilft man sich hier gegenseitig bei der Arbeit. 





Bei den Schafen hat sich der Nachwuchs eingestellt. Wir werden daran erinnert, dass Rumänien in früheren Jahrhunderten eine der ausgeprägtesten Hirtenkulturen Europas hatte. Einst gab es sogar eine eigene Hirtenzeitung. Noch heute kann man sich in den rumänischen Karpaten ein gutes Bild davon machen. Aber die große Zeit der "Transhumanz", in denen je nach Jahreszeit riesige Schafherden durchs Land zu ihren Weidegebieten gezogen sind,  ist natürlich lange schon vorbei. 







Hier wird der Acker noch auf traditionelle Weise bearbeitet. Ein Ochse vor den Pflug gespannt und ab geht es, ganz ohne Benzin oder etwa einem modernen Elektroantrieb :-))) ! Der Beruf des Bauern gehört im Grunde zu ganz wenigen seiner Spezies, auf welchen wir kaum verzichten können. In heutiger Zeit ist sicher ein großer Anteil an Menschen mit der Produktion von Dingen beschäftigt, die an sich kein Mensch zum Leben braucht. ...

Ich erinnere mich an eine Geschichte, wie ich einmal eine Gruppe sehr alter Senioren auf einer Busreise durch Berlin begleitete. Ein alter Mann, der sein Leben lang als Bauer auf dem Lande gelebt und gearbeitet hat, saß mit verneinend-wackelndem Kopf  am Busfenster und schaute nach draußen auf das hektische Stadtleben. "Was ist los mit ihnen, geht es ihnen nicht gut?" ... wollte ich wissen und der Alte sagte: "Ich sehe hier Menschen über Menschen, aber keine Kuh und kein Schwein. Wo arbeiten die denn alle?". Allein diese Frage ist mir noch heute Antwort genug :-) !!!








Ganz typisch für die Obstplantagen vieler Bergbauern ist, dass die Bäume nicht durch einen jährlichen Rückschnitt kultiviert werden. Besonders in den Zeiten der Baumblüte hat das seinen ganz besonderen Reiz.  







Wir nähern uns einem der höchst gelegenen Höfe in Bulbuc. Auch hier ist unsere Neugierde grenzenlos und so werden wir von der dortigen Familie auf den Hof geladen. Schon nach kurzer Zeit bewirtet man uns mit einer leckeren Kartoffelsuppe und eingelegten Gurken. Ganz klar, die Verkostung der hauseigenen Tuica folgte noch obendrauf. 








Es heißt Abschied zu nehmen von unserer lieben Gastfamilie im traumhaften Bulbuc. Und klar ist auch: Wir kommen wieder! Ein Urlaub mit Sehnsuchtsfaktor - was will man mehr. Schon im darauf folgenden Jahr machten sich Hans, meine Wenigkeit und unser Freund Christian erneut auf Erkundungstour zur Piatra Tomii und Bulbuc

...







Herbst 2013 ... 

Diesmal haben sich Hans, Christian und meine Wenigkeit erneut auf den beschwerlichen Weg hinauf zur Piatra Tomii begeben. Direkt neben dem kleinen Felsmassiv errichten wir unsere Zelte. Reichlich Brennholz verschönert uns den späten Abend und die hereinbrechende Nacht mit einem Lagerfeuer. Schliesslich müssen wir uns schützen vor jenem Ungeheuer, über welches in der Frankfurter-Oberpost-Amts-Zeitung am 26. September 1819 berichtet wird. Die Bestie ist noch immer nicht gefasst. Wir zitieren an dieser Stelle den einstigen Zeitungsbericht: 

"Aus Zalathna in Siebenbürgen schreibt man vom 24. August: ... „Seit einigen Wochen beunruhigt eine noch nicht bekannte Bestie von einem reißenden Thiere unsere Nachbarschaft in den Dorfschaften Petrosan, Bulbuk, Bolken und Homoroth, vorzüglich aber zu Bulbuk sollten bis nun, meist aus letzterem Dorfe, von demselben bei 15 Menschen theils zerrissen und theils beschädigt worden seyn. Obwohl man selbes schon zu wiederholtenmalen Jagden veranstaltet hat, so ist man dennoch bis nun nicht so glücklich gewesen, selbes ansichtig zu werden. Der Beschreibung einzelner Menschen nach, soll es eine Aehnlichkeit mit einem Wolfe haben, der Schweif und der Unterleib aber weniger haarischt seyn. Der gemeine Wallache hält es für einen in einen Wolfen verwandelten Menschen Priculits genannt. Aufgeklärtere aber meinen, daß es ein ausländisches, irgendwo entkommenes und in diese Gegend entlaufenes Thier sey; indem es das in Menge auf dem Felde und in Wäldern umherirrende größere und kleinere Vieh nicht, sondern nur Menschen, und unter diesen nur wieder vorzüglich Kinder, Mädchen und Weiber anfällt, und selben die Gurgel und Brüste ausreist. So hat es einen Knaben inmitten einer Schafherde, im Angesichte seines Vaters, herausgerissen und fortgeschleppt, ohne die Schafe zu beschädigen. Ein Weib, die in einem Gebirgs-Meierhof, oder einzeln stehenden Bauernhütte schlief, wurde aus dem Bette gerissen; von dreien Mädchen, welche in den Wald um dürres Brennholz gingen, wurde ein 16-jähriges zerrissen, die anderen zwei entliefen u.s.w. Die Leute in dieser Gegend fürchten sich nun einzeln und ohne Waffen auf ihre Felder und in den Wald zu gehen.“








Am nächsten Morgen ... Die Bestie hat uns nicht gestört, dafür aber sorgten diese frei umherlaufenden Pferde, derer es hier viele gibt, für Schrecken ganz anderer Art. So sei an dieser Stelle ein kleiner Bericht vom Christian hinzugefügt ... wohl bemerkt: ein Tatsachenbericht :-) !!! ...:

Einen ziemlich schlechten Weg arbeitete sich der Kangoo immer weiter bergauf. Endlich hielt Willi auf einer Hochebene mit einem hohen und beeindruckenden Felsen, der die Landschaft prägte. Eine eingezäunte Weide grenzte daran. Wir bauten unsere Zelte unweit des Zaunes, der aus Latten und Draht bestand, auf. Mein Zelt stand ziemlich an der Ecke der Wiese zum Felsen hin. Ein super Lagerplatz unweit von Hans und Willi. Wir entdeckten die Möglichkeit abends ein Lagerfeuer zu entzünden und hatten oben von der Spitze des Steines eine grandiose Aussicht über das Tal. Nach diesem ereignisreichen Tag zogen wir uns in unsere Zelte zurück. Das ganze Panorama hatte was von Wildwestromantik, da in der Ferne scheinbar wilde Pferde grasten und die ersten Sterne leuchteten. Nach kurzer Zeit wurde ich von einem Schnaufen und Rupfen neben meinem Kopf geweckt. Ein Bär konnte es doch nicht sein, oder doch? Mir fielen die Pferde ein und ich versuchte sie wegzujagen. Eines war doch so sehr neugierig und meinte, das Gras unter dem Zelt müsse besser schmecken als das andere ringsum. Erst als ich die Lampe raussuchte und mit einer Tüte raschelte, stob das Pferd erschreckt davon. Mit dem Geräusch in der Ferne laufender Pferde schlief ich wieder ein. 

In der Nacht wurde ich durch ein lautes Krachen und Rumsen jäh aus dem Schlaf gerissen. Holz zerbrach und etwas unheimlich Schweres krachte neben meinem Zelt zu Boden und galoppierte dann ziemlich schnell davon.

Am nächsten Morgen nach dieser ereignisreichen Nacht sahen wir die Bescherung. Die Pferde waren teilweise über den Fels in das umzäunte Areal geklettert, von dem sie eigentlich ferngehalten werden sollten. Sie erschreckten sich und sprangen über den Zaun ... bis auf eines, das mit den Hufen an der oberen Latten hängen blieb und direkt neben meinem Zelt zu Boden krachte, wobei einiges Holz zu Bruch gegangen war. ... Der Zaun wurde von den Bauern bald repariert, denn gutes Heu für den Winter ist dort wertvoll und knapp."







Zwischen Butterblumen und offenen Gärten ...

... befindet sich die orthodoxe Kirche von Bulbuc. Im Jahr 1905 hatte sich die Bevölkerungszahl dahingegend entwickelt, dass an Stelle der alten Holzkirche der Bau einer grösseren Steinkirche erforderlich wurde. Der Neubau erhielt einen für jene Zeit beachtlichen Turmbau, welcher sich über dem Pronaos erhebt. Die Kirche ist auch dem gewachsenen Nationalbewusstsein der rumänischen Bevölkerung geschuldet. 

Aber werfen wir an dieser Stelle zunächst einen Blick auf das 18. Jahrhundert: ...

Eine von Inochentie Micu-Klein durchgeführte Statistik zur Ermittlung wehrtüchtiger Bürger ergab im Jahr 1733, dass in Bulbuc zu jener Zeit 133 Familien leben. Im Jahr 1750 sind in Bulbuc an die 700 Einwohner registriert. Es ist eine Zeit, in der das Feudalsystem in vielen Regionen Europas an seine Grenzen stößt. Im Jahr 1784 brechen in der Apuseni-Region in Curechiu die Bauernaufstände unter Horea, Closca und Crisan los, welche auch Bulbuc erfassen. Die Bauern aus Bulbuc schließen sich den Aufständischen in der nahen Region Vintu an und ziehen zu Felde gegen die ungarischen Adligen. Bei Bulbuc und Homorod zerstören die Bauern die Reben der königlichen Weingärten. Die meisten Dörfer in der Region befinden sich - wie auch Bulbuc - im Besitz ungarischer Adliger. So beklagte sich die ungarische Baronin Maria Josika über ihre Leibeigenen in Bulbuc, dass diese königliche Richter mit den Tod bedrohten. Zudem verweigerten sie Robotdienste und die Zahlung von anstehenden Steuern und Jahresgebühren. Dennoch wird der Baronin Maria Josika nachgesagt, ein gewisses Interesse für die rumänische Kultur gepflegt zu haben. Ein ungarischer Freund der Baronin erwähnt, dass diese eine Sammlung rumänischer Volksgedichte zusammengetragen hat. Über den Verbleib dieser Sammlung ist aber nichts bekannt. 

Im Jahr 1831 leben in Bulbuc 761 Einwohner. Es naht die Zeit des ungarischen Unabhängigkeitskrieges gegen den Wiener Hof. Man muss sich vorstellen, die rumänischen Bauern  befanden sich hier unter der Herrschaft ungarischer Adliger, inmitten des Siebenbürger Verwaltungsgebietes, in welchem die Rumänen als zahlenmäßig stärkste Bevölkerungsgruppe von allen Rechten ausgeschlossen waren. Politisch unterstand die Region in letzter Instanz aber dem Wiener Hof. Hinzu kommen die Katholisierungsbestrebungen des Wiener Hofes und die damit verbundenen Drangsalierungen der orthodoxen Kirche. Neben all dem tat sich auch ein Konflikt zwischen zwei Ethnien auf: jener zwischen den rumänischen Bauern und den vorrangig ungarischen Adeligen. Mit Beginn der ungarischen Unabhängigkeitsbewegung im Jahr 1848 brachen zeitgleich die rumänischen Bauernaufstände unter Führung von Avram Iancu aus. Mit dem Wegbrechen der Einflussnahme des Wiener Hofes blieb den unterdrückten Bauern auch nichts weiter übrig. Sie hatten nichts mehr zu verlieren, während die Anderen immer mehr hinzuzugewinnen trachteten. Und zwischen all den Butterblumen und der Weltpolitik tat sich auch in Bulbuc für die Menschen eine sehr bewegende Zeitgeschichte auf!







Im Innern der orthodoxen Kirche in Bulbuc. In Folge von Bodensenkungen zeigen sich Risse im Gemäuer der Kirche. Ob man in heutiger Zeit noch Geld für eine umfassende Sanierung aufbringen kann, ist mehr als fraglich. Die Kirche ist nicht als historisches Monument eingestuft. Gottesdienste finden hier nur noch ca. 1 x im Monat statt. 








Es ist Herbst ... Hans, Christian und Willi streifen durch das Bergdorf Bulbuc, hinweg über all die offenen Privatgrundstücke, deren Grenzen oft nicht auszumachen sind. An einem wunderschönen alten Hof verharren wir in unserer Begeisterung. Wir haben es hier noch mit ganz klassischen Selbstversorgern zu tun. Man lebt hier von den Dingen, welche die Viehzucht und ein bescheidener Feldbau so bietet. Aber dafür ist alles noch REIN ... also nicht ÖKO, um das nicht zu verwechseln. Öko ist ein Nachfolger intensivierter Landwirtschaft, mit etwas weniger verseuchten Böden, hybriden Saatkulturen und einer Viehzucht, die längst nicht mehr auf alte Haustierrassen verweisen kann. Hier aber ist alles noch "vorindustriell" ... und all das zwischen Butterblume und Weltpolitik. ... "Liniste" - würde ein orthodoxer Geistlicher sagen. "Hier hast du noch Zeit zur Besinnung auf Gott" ... oder wie ein Ungläubiger wie ich sagen würde: "Besinnung auf meine Mutter Erde." Eigentlich meinen wir ja das Gleiche, aber von kulturell anderer Prägung tut sich der Unterschied auf. 

LINISTE!








Wir streifen weiter über den schönen Bauernhof, der im Herbst bereits seinen Lohn eingefahren hat. Pflaumen schmecken sicher gut. Aber deren vergorene Seele später in Geselligkeit aus der Flasche zu lassen, dazu bekommt man im Zuge der unübertroffenen Gastfreundschaft der Rumänen immer wieder Gelegenheit. 








Die Pflaumen-Seelen-Trennmaschine ...

Eine echte Hausdestille darf natürlich auf einem abgelegenen Hof nicht fehlen. Das Brennen des Obstlers gehört schlicht zur Kultur der Bergbauern. 








Der Hausherr naht mit seiner Heuernte ... 

... und er zögert keine Sekunde, uns ins Haus zu laden. Er ruft schnell seine Frau herbei und wenig später entfacht sich ein schönes Gespräch, in dem jeder etwas von dem Leben des Anderen erfahren möchte. Ja, diese Bauern haben auch so ihre Neugierde auf das Fremde, aber wozu sollen sie sich auf den Weg machen, wenn der Fremde den Weg zu ihnen findet :-) !






Typisch für viele Häuser in den hiesigen Karstgebieten: der in der Wohnküche integrierte Brunnen. An derlei Dingen kann ich mich einfach nicht sattsehen. Alles ist reinweg ausgerichtet nach seinem Nutzen. 






"Noroc" ... ein echter Bulbuceni stösst mit uns an. Für uns geht auch in diesem Jahr die Zeit in Bulbuc allmählich seinem Ende entgegen, ... eine Zeit zwischen Butterblume und Weltpolitik. Die Butterblume in ihrer Stetigkeit der traditionellen Bergbauern, die Weltpolitik in ihrem steten Wandel mit all dem einhergehenden Stress, ungesunder Lebensweise und Fingerfood. 

Danke, dass wir hier sein durften!!!


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