Der Volksaufstand von Temeswar
(15.-22. Dezember 1989)

von Marius Koity

Vor 30 Jahren begann in Temeswar (rumänisch: Timișoara) der Volksaufstand in Rumänien und binnen einer Woche war für das Land und die damals wohl 24 Millionen Bürger alles anders. Vor ein paar Wochen war es mir vergönnt, auf einer Tagung vor zahlreichen wirklich interessierten Menschen zurückblicken zu dürfen und im Weiteren sei hier der erste Teil meines Vortrages (in einer leicht aktualisierten Fassung) veröffentlicht, dazu meine wenigen aus jenen Tagen erhaltenen Fotos und ein paar andere Fundstücke... Nehmt euch ein paar Minuten Zeit, Feedback ist willkommen, Fragen beantworte ich gern.
"Die rumänische Revolution hat für mich am 18. Dezember 1989 begonnen. Am 15. Dezember, als es eigentlich losging, war ich in Bukarest (rumänisch: București), wo ich meine erste und letzte Lesung im Friedrich-Schiller-Kulturhaus hatte. Und die Heimfahrt führte mich direkt nach Großsanktnikolaus (rumänisch: Sânnicolau Mare), weil ich einfach frische Wäsche für die kommende Arbeitswoche in Temeswar brauchte. Am 18. Dezember also, das war ein Montag, kam ich wie immer mit dem 7-Uhr-Zug in Temeswar an. Freilich wurde unterwegs unter den Pendlern im dunklen Zugabteil von Verhaftungen und Schießereien getuschelt, und auf dem Flur rief einer mehr oder weniger scherzhaft „se răscoala ungurii“, die Ungarn erheben sich, proben den Aufstand. Aber so richtig vorstellen konnte ich mir das nicht. Aufstand – wie soll das gehen?
Und dann stehe ich vor dem Temeswarer Nordbahnhof zwischen zwei Schützenpanzerwagen, einer mit seinem schweren Maschinengewehr zur Josefstadt hin, der andere zum Stadtzentrum hin ausgerichtet. Ich konnte es nicht fassen. Ich habe die unwahrscheinlichen Bilder heute noch im Kopf. Ich muss da richtig erstarrt gewesen sein und geglotzt haben, denn ein „plutonier“, ein Unteroffizier mit Maschinenpistole um den Hals, blaffte mich an: „Mişcare, mişcare!“, Bewegung, Bewegung, weitergehen, weitergehen.
Die Straßenbahn fuhr nicht und auf dem Fußweg quer durch die Stadt in die Redaktion traute ich meinen Augen nicht:
- weitere Soldaten und auch Milizmänner, aber auch aufgeregte Zivilisten mit Maschinenpistolen in der Hand,
- richtige Panzer,
- Geschäfte mit eingeschlagenen Fensterscheiben. „In der Stadt sah es aus wie in Beirut“, habe ich ein paar Tage später in einer Korrespondenz für die Kronstädter „Karpatenrundschau“ festgestellt.
In der Redaktion der "Neuen Banater Zeitung" (NBZ) waren alle irgendwie aufgedreht. Die Chefin, Maria Stein, mahnte zur Ruhe und wusste nicht wirklich, was sie uns sagen soll. Ohne Auftrag sollten wir die Redaktion nicht verlassen. Wir waren hin und her gerissen zwischen dem Gehörten und Gesehenen einerseits, dem Tagesgeschäft andererseits – es musste ja die nächste Zeitung produziert werden.
Irgendwann am frühen Nachmittag musste ich raus, komme, was wolle, und mit der Kamera unter der Winterjacke lief ich erst in Richtung Fabrikstadt, zur Decebalbrücke. Die war mit Schützenpanzerwagen besetzt und da hat sich mir ein weiteres Bild unvergesslich in die Erinnerung eingebrannt, nämlich das Bild eines unrasierten Leutnants mit einem blutigen Verband an einer Hand und mit aufgerissener Uniformhose, wiederum mit Maschinenpistole um den Hals – normal war da nichts. Später sollte ich lesen, dass da eine "Schlacht" geschlagen wurde, „Bătălia de la băile Neptun“, wie es in einer der ersten Revolutionschroniken hieß.
Ich war lange Zeit in der Stadt unterwegs, hatte aber nicht den Mut, irgendwelche Fotos zu machen. Es schien mir schlicht lebensgefährlich. Denn etwa einen Monat vorher hatte ich eine spontane Demo im Studentenviertel fotografiert, mit welcher die Qualifikation Rumäniens zur Fußball-Europameisterschaft gefeiert wurde, und ich dachte damals, ich wäre unbeobachtet. Doch am nächsten Morgen stand Securitate-Leutnant Fulga in der Redaktion, um das frisch entwickelte Stück Film mit den Worten „Mai vorbim noi!“, wir sprechen uns noch, zu beschlagnahmen. [Mehr dazu in meinem Buch "Eine unvermeidliche Collage".]
Zwei Tage später, am 20. Dezember, war alles anders. Bukarest und die Securitate hatten die Kontrolle über Temeswar verloren. Aus dem Fenster meines Redaktionszimmerchens im zweiten Stock des Temeswarer Pressehauses konnte ich beobachten, wie in der Mittagszeit von der Continentalkreuzung über die gesamte Breite des Boulevards unzählige Menschen in Richtung Kreisparteizentrale vorrücken und wie sich die alle paar Meter stehenden Soldatenreihen Stück für Stück zurückziehen. Das Staunen und die Freude über den unglaublichen Vorgang waren in den Momenten gemischt mit Angst. Denn wir wussten nicht, ob nicht im Vorbeigehen das Pressehaus gestürmt wird.
Das Pressehaus wurde nicht gestürmt. Allerdings wurde gleich der erste Versuch, aus dem Pressehaus durch die Bäume auf die Straße zu fotografieren, von Demonstranten beobachtet und ausgebuht. Weitere Versuche haben wir zu unserer Sicherheit unterlassen – das ist zumindest meine Erinnerung. [Einzelne Fotos aus diesen Momenten sind trotzdem überliefert.]
Am 21. Dezember, dem Tag zwischen den Welten, und am Vormittag des 22. Dezember, dem Tag des Ceauşescu-Sturzes, sind dann meine wenigen Revolutionsfotos entstanden, deren Negative nicht verloren gegangen sind und die teilweise Eingang in das Buch „Wir waren Zeugen“ von Annemarie Podlipny-Hehn gefunden haben. Die Bilder zeigen Leute beim Beten zwischen Oper und Kathedrale, Frauen beim Kerzenanzünden für die Opfer der Revolution, einen Lebensmittel-Lkw, dessen Ladung verteilt wird.
Als ich da erstmals die Kamera hervorgeholt habe, wurde ich sofort hart angegangen: „Mă, ce faci aici? Pentru cine fotografiezi?“ Ey du, was machst du hier? Für wen fotografierst du? Man hatte mich glatt für einen Securitate-Spitzel gehalten.„Sunt de la ziarul german, de la NBZ“, ich bin von der deutschen Zeitung, von der NBZ, sagte ich und zeigte meinen Dienstausweis, den ich heute noch habe. „A, de la ziarul german, bine, nici-o problema“. Ah, von der deutschen Zeitung, alles klar, kein Problem. Das spielte sich mehrmals so ab und es war großartig festzustellen, welche Glaubwürdigkeit die NBZ in dieser heißen Phase der Wende in Temeswar hatte.
Eine der längsten Nächte meines Lebens war jene zum 23. Dezember 1989. Da war ein Großteil der NBZ-Redaktion in der Druckerei, um die erste freie Zeitung herauszubringen. Ich kann mich noch erinnern, wie wir in der Nacht darüber gestritten haben, ob wir die Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ aus dem Zeitungskopf verbannen oder nicht. Im Licht der echten Revolution, die wir gerade erlebten, schien der Slogan einigen von uns erst recht passend, der Mehrheit in der Redaktion aber nicht. Wir hatten uns letzten Endes mit einem basisdemokratischen Beschluss von der alten Zeit verabschiedet.
In jener Nacht mussten wir zwei Mal die Arbeit einstellen und verdunkeln, weil wir unter dem Beschuss von wem auch immer waren. Es wurde hin und her geschossen, irgendwo gingen Scheiben zu Bruch. Am Morgen kurz nach 5 Uhr, nach getaner Arbeit, wollte ich einmal schauen, wer uns da verteidigt hat. Und im langen Gang zwischen Setzerei und Verwaltungstrakt schliefen Soldaten mit lilafarbenen Waffengattungsabzeichen, die gerade Pause hatten. Zum Schutz der Druckerei war also ein Militärverwaltungszug abgestellt worden. Da ich wenige Jahre zuvor selbst Wehrpflichtiger war, wurde mir klar, dass die Sicherheit der Druckerei Schreibkräften, Kochgehilfen und Schweinehirten anvertraut wurde, die so gut wie gar keine Übung an Waffen hatten.
Mir wurde klar, dass wir bei einem echten Sturm auf die Druckerei dem Tod geweiht gewesen wären.
Ich ging weiter vor die Druckereitür, um die frische Luft der neuen Zeit einzuatmen. Und plötzlich wurde aus dem Druckereiverwaltungsturm nach rechts in Richtung Bahndamm geschossen. An der Leuchtspurmunition konnte ich erkennen, dass kreuz und quer geschossen wurde, ohne ein richtiges Ziel zu haben. Irgendwann wurde das Feuer eingestellt. Und vom Bahndamm schallten gepfefferte Flüche rüber. Die Soldaten hatten in der allgemeinen Terroristen-Paranoia ohne Vorwarnung auf Eisenbahner losgeballert, die wie jeden Tag auf dem Bahndamm zur Schicht am Nordbahnhof liefen. Zum Glück hatten die Soldaten nicht getroffen. Über Leben und Tod haben in jenen Tagen mitunter dumme Zufälle und flüchtige Eindrücke entschieden. Erst als es richtig hell war, wagten wir uns alle nach Hause.
Wenn ich an den Januar 1990 zurück denke, fallen mir spontan drei Dinge ein:
- die Versammlungen, die zur Gründung des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat und in Rumänien geführt haben;
- mehrere Hilfstransporte, die ich mit ausgeladen hatte und in deren Folge ich beispielsweise gelernt habe, dass Dosenrindfleisch aus der BRD ganz anders schmeckt als jenes aus der DDR;
- und der Genscher-Besuch in Temeswar.
Die Hilfsbereitschaft aus vieler Herren Länder für Rumänien war Anfang 1990 wirklich unglaublich. Speziell die Rumäniendeutschen wurden vor allem von ihren Landsmannschaften und der Kirche mit allem Möglichen bedacht und ich persönlich möchte Helmut Schneider und dem Hilfswerk der Banater Schwaben ein Vergelt’s Gott nachrufen.
Im öffentlichen Bewusstsein völlig untergegangen ist die damalige Hilfe aus der Noch-DDR. Über die NBZ-Partnerzeitung Volkswacht, die später den heutigen Namen Ostthüringer Zeitung bekam, haben uns Ende 1989 und Anfang 1990 in Temeswar neben Trabi-, Wartburg- und Lkw-Ladungen aus der Partnerstadt Gera auch zahlreiche Hilfsangebote ganz normaler Menschen aus Städten wie Jena, Saalfeld, Rudolstadt, Pößneck und Greiz erreicht. Im guten Glauben haben wir die Namen und Adresse der hilfsbereiten DDR-Bürger veröffentlicht. Das hat aber dazu geführt, dass Familien in meiner späteren neuen Heimat, in Ostthüringen, teils mit hunderten Briefen aus dem Banat bombardiert wurden.
Eine Großsanktnikolauserin hatte mir im Frühjahr 1990 erzählt, dass sie bewusst alle in der NBZ veröffentlichten DDR-Adressen angeschrieben habe in der Hoffnung, dass es wenigstens an einer Stelle klappt, und ein Kontakt ist wohl tatsächlich zustande gekommen. Ich weiß nicht, ob und inwiefern aus diesen Kontakten dauerhafte zwischenmenschliche Beziehungen entstanden sind. Denn die Ostthüringer hatte dann ja recht schnell genug mit sich selbst zu tun – mit der Einführung der D-Mark zum 1. Juli 1990 in der DDR brachen mehr oder weniger von jetzt auf gleich ganze Industriebranchen zusammen..."
Mail an den Autor: mkoity(at)-online.de
zurück zur Startseite Kalender 2019