Ich geh dann mal nach Tibet

Stephan Meurisch

Ich bin mittlerweile schon über 3 Monate auf meiner Reise zu Fuß unterwegs und nun dabei Rumänen zu betreten...
„Nach rund 400 Kilometern und dreieinhalb Wochen habe ich auch Ungarn durchwandert und stehe das erste Mal auf meiner Reise vor einer »richtigen« Grenze. Schon allein der Anblick der Grenzanlage macht mir Angst, denn während meiner Reise bin ich immer wieder vor Rumänien gewarnt worden, vor allem in Ungarn. Aber auch in Deutschland und Österreich sind mir wahre Schreckensbilder von Rumänien präsentiert worden. Streunende Hunde, wilde Bären und noch wildere Sinti waren noch das Harmloseste. »Spätestes in Rumänien ist der Spaß vorbei«, hatte mir ein Freund prophezeit. Und wie bei mir üblich, hat die Angst dazu geführt, dass ich den Grenzübertritt lange hinausgezögert habe. Es ist daher bereits später Nachmittag, als ich an der Grenze stehe.
Ein Zollbeamter fragt nach meinem Pass und will dann wissen, wo mein Auto steht. Ich gestehe freimütig, kein Auto zu besitzen, sondern zu Fuß unterwegs zu sein. Wo ich denn hinwolle, setzt er die Befragung fort. »Nach Istanbul«, antworte ich, um ihm ein glaubwürdigeres Ziel zu nennen als Tibet. Mit skeptischem Blick inspiziert er meine Papiere, gibt sich aber mit allem zufrieden und sagt freundlich: »Gute Fahrt!« Ich bedanke mich und betrete das vierte Land meiner Reise. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich spät dran bin, um nach einer Unterkunft zu suchen. Im Dunkeln vor einer Tür zu stehen, mindert die Chancen deutlich. Besser ist es, noch bei Tageslicht zu fragen, wenn die Menschen mich besser sehen und somit auch beurteilen können. Nach etwa zwei Kilometern erreiche ich Turnu, das erste Dorf hinter der Grenze. Ich bin sehr angespannt, Angst und Unsicherheit machen sich in mir breit.
Ich bemerke, dass ich aus der Ferne beobachtet werde. Die Gesichter der Menschen sind noch zu weit weg, um sie erkennen zu können. Doch ich spüre deutlich, dass ihre Blicke auf mich gerichtet sind. Das Leben in Rumänien spielt sich, wie in anderen südlichen Ländern auch, zum Großteil auf der Straße ab. Vor jedem Haus steht eine Bank, auf der Menschen sitzen und das Leben verfolgen. Sie unterhalten sich, nebenbei wird gegessen und getrunken und darauf gewartet, dass etwas Außergewöhnliches passiert. So ist es auch hier in diesem Dorf, in dem es so scheint, als ob jeder Tag dem anderen gleicht.
Meinem Gefühl nach befinde ich mich auf feindlichem Gebiet und habe soeben das für mich gefährlichste Land meiner Reise betreten. Ich versuche, meine Angst zu verbergen und souverän zu wirken, und gebe mich weiterhin so, als wüsste ich genau, was ich tue. Denn ich will nicht zulassen, dass jemand meine Unsicherheit bemerkt, aus Angst, ausgenutzt zu werden. Meine Gedanken kreisen: Ich muss sehr vorsichtig sein, ich darf niemandem trauen. Die Blicke kommen näher. Mittlerweile nehme ich sie aus allen Richtungen wahr und fühle mich ihnen schutzlos ausgeliefert.
Es dauert nicht mehr lange, und ein älteres Ehepaar winkt mich zu sich rüber. Äußerst skeptisch gehe ich langsam auf die beiden zu und beobachte sie dabei sehr genau. Mein Herz schlägt schnell und meine Anspannung steigt. Sobald ich ihre Augen erkennen kann, blicke ich hinein und versuche in ihnen zu lesen, denn ihre Worte verstehe ich nicht. Mit meinen üblichen Gesten und ein paar Wörtern wie »germana« versuche ich, mich und mein Anliegen zu erklären. Das ältere Ehepaar vor mir sieht mich jedoch nur fragend an. In ihren Augen erkenne ich Wärme und Herzlichkeit, und ich beginne, mich ein wenig zu entspannen. Aber auch wenn ich im Moment keine Gefahr spüre, bin ich weiterhin vorsichtig und bemühe mich, so lange wie möglich Augenkontakt zu halten. Er ist meine einzige Verbindung zu ihnen.
Der Mann zieht sein Handy aus der Tasche, wählt und wechselt ein paar Worte auf Rumänisch mit jemandem. Dann reicht er mir das Telefon, und ich bin völlig perplex. Was soll ich bitte schön mit seinem Handy?! Ich spreche kein Wort Rumänisch! Doch plötzlich habe ich Emil am Ohr, der perfekt Deutsch spricht. Er lebt in Arad, der nächstgelegenen Stadt. Ihm erzähle ich meine Geschichte. Dann gebe ich das Handy zurück an seinen Besitzer. Emil wird so zu meinem Sprachrohr, denn er erklärt jetzt dem Ehepaar, wer ich bin und was ich suche. Als ich daraufhin nochmals mit Emil spreche, sagt er mir, dass er dem Ehepaar meine Situation erklärt hat und die beiden einverstanden sind, dass ich heute bei ihnen übernachte.
Jetzt wird es spannend, denn meine Angst ist nicht verschwunden. »Das kann doch gar nicht wahr sein«, flüstere ich zu mir. »Das muss doch einen Haken haben! Das geht zu schnell, zu glatt. Pass ja auf deine Sachen auf!« Mit Handzeichen lotsen die beiden Rumänen mich in ihr Haus, wo ich meinen Rucksack abstelle, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Sie setzen mich an einen Tisch und servieren mir etwas zu trinken, gebackene Kartoffeln und Gemüse. Aus der Angst, in Rumänien zu verhungern, wird bald die Sorge, hier platzen zu können. Doch noch immer bin ich vorsichtig. Schließlich ist das hier Rumänien! Aber das Essen schmeckt gut und ist offensichtlich auch nicht vergiftet. Voller Stolz zeigt der Mann mir sein Haus, seine Schweine und seine Pferde.
Plötzlich steht ein weiterer Mann in der Tür. Es ist mein Übersetzer Emil, der extra aus Arad gekommen ist. Und er ist Deutscher. Meine Angst schwindet, ich entspanne mich weiter, entlasse den Rucksack aus meinem Kontrollblick und schaue bald nicht mal mehr alle paar Minuten nach, ob er noch da ist.
Jetzt beginnt ein richtiges Gespräch, bei dem sich schnell zeigt, wie außerordentlich nett und herzlich das Ehepaar ist, bei dem ich gelandet bin. Ich mache es mir bequem und begreife endlich, dass ich für heute Nacht wirklich keine Unterkunft mehr suchen muss. Und es kommt noch besser. Emil lädt mich ein, am nächsten Tag bei ihm in Arad zu übernachten. Das ist etwa zwanzig Kilometer entfernt. Eine gute Etappe. Ich bin total verwirrt. Bin ich wirklich in dem Rumänien, vor dem mich alle gewarnt haben?!
Nach meinem ersten rumänischen Frühstück verlasse ich mit einem großen Lächeln das Dorf Turnu. Das Wetter spiegelt meine Laune wider, denn die Sonne strahlt, und nach dem sehr guten Einstieg verliert Rumänien etwas von seinem Schrecken für mich. Auf dem Weg zu Emil staune ich noch immer über das, was gestern passiert ist. Um ganz sicherzugehen, schaue ich noch einmal schnell auf die Karte. Ja – ich bin tatsächlich in Rumänien. Haben all die Menschen, die mich vor diesem Land gewarnt haben, wirklich dieses Land hier gemeint? Waren sie schon einmal hier?
In Arad laufe ich zufällig an einem TV-Studio vorbei. Das Reklameschild an der Hauswand ist nicht zu übersehen. Da fällt mir James wieder ein. Er versteht es sehr gut, sich in den Medien zu präsentieren, und hat mir erklärt, wie er immer wieder aktiv auf sie zugeht, um Aufmerksamkeit für sich und sein Projekt zu erlangen. Ich habe ja selbst auch schon Interview-Erfahrungen gemacht und denke mir daher: Warum soll ich es nicht probieren? Spontan gehe ich auf den Pförtner zu und erzähle ihm von meiner Reise. Er reagiert zunächst streng und fragt mich, ob ich einen Termin habe. Darauf bin ich nicht vorbereitet. Wie ich denn solch einen Termin bekommen könnte, frage ich ein bisschen naiv. Er greift zum Telefon. Nachdem er aufgelegt hat, meint er nur, ich solle bitte vier Minuten warten, dann käme jemand.
Es kommt tatsächlich jemand und führt mich ins Studio. Die Redakteure begrüßen mich freundlich und signalisieren nach ein paar Sätzen von mir großes Interesse. Sogar sehr großes, denn ich werde umgehend in eine Live-Sendung eingebaut, eine Musik- und Talksendung für junge Leute. Das gefällt mir gut. Schon sitze ich auf einem gelben Studiosessel und spreche mit dem Moderator. Das Interview wird sehr locker gehalten und macht mir großen Spaß. Das Motto lautet: Soeben kam jemand aus München hier reingewandert…
James’ Tipp entpuppt sich als unbezahlbar. Der Moderator stellt mir seine Fragen auf Englisch und übersetzt selbst meine Antworten ins Rumänische. Später bekomme ich einen Mitschnitt von dem TV-Auftritt zugemailt und kann ihn von nun an überall herumzeigen. Das erleichtert meine Unterkunftssuche von da an erheblich.
Nach dem Interview geht es ins Zentrum von Arad. Besorgt auf die Uhr zu schauen brauche ich nicht, denn ich habe ja eine Unterkunft, und das für zwei Wochen. Emil ist ein ziemlich cooler Typ. Ein Pferdenarr, der in den Karpaten eine Pferderanch besessen und Touren angeboten hat. Die Scheidung von seiner Frau hat ihn dann ruiniert. In Arad ist er gerade dabei, sich eine neue Existenz aufzubauen. Er fertigt alles Mögliche aus Leder an – vom Armband bis zum Sattel. Nebenbei gibt er mir einen Crashkurs in Rumänisch. Ich lerne meine ersten Wörter und erfahre dazu einiges von der rumänischen Kultur. Eigentlich habe ich vor, nur ein paar Tage zu bleiben.
Aber dann bekomme ich eine Mail von Veronika aus Berlin, die meine Reise auf Facebook verfolgt. Sie ist nur ein paar Tage hinter mir und will zu Fuß nach Jerusalem. Ihr Projekt ist eine Art Pilgerreise für den Frieden. In etwa sechs oder sieben Tagen, schreibt sie, will sie in Arad sein und würde mich gern dort treffen...“
Anmerkung der Redaktion: Das Kalenderteam hat Stephans vierjähriger Reise nach Tibet auf seinem Reiseblog verfolgt und mächtig mitgefiebert. Wir waren schon vor Jahren erfreut, dass Stephan im Adventskalender 2012 uns einen Einblick in seine Erlebnisse gegeben hat.
Wer die ganze Geschichte seiner Reise erfahren möchte, der kann einen seiner Reisevorträge besuchen oder dies in seinem im Herbst erschienen Buch "Ich geh dann mal nach Tibet" (Knesebeckverlag) nachlesen. Wir haben beides getan und können euch dies deshalb empfehlen.
www.stephanmeurisch.de
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