Ansichtskarten dokumentieren Karpaten
am Beginn des 20. Jahrhunderts

von Uwe Konst

gemaltes Bild mit einem Tisch auf welchem Postkarten aus einem Korb gekippt werden
Das beginnende 20. Jahrhundert war die große Zeit der Ansichtskarten. Mehr Reisende, im Vergleich zum Einkommen günstige Posttarife, das steigende Bedürfnis nach Kommunikation – aus diesen und weiteren Gründen sind in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts so viele Ansichtskarten wie nie zuvor und auch nicht mehr danach versandt worden. Das Sammeln von Ansichtskarten erlebte ebenfalls einen starken Aufschwung. Auch wenn nur ein Bruchteil der damals versandten Ansichtskarten erhalten geblieben ist, wurden daraus Zeugnisse einer neuen Massenkommunikation – auch in den Karpaten. Von dieser steigenden Nachfrage nach Ansichtskarten durch Wanderer in den Karpaten wollten auch die Gewerbe vor Ort profitieren. Dazu gehören Druckereien, Verlage und Buchhandlungen. Einige Beispiele sollen nachfolgend vorgestellt werden.
gemaltes Bild einer Collage aus Postkarten
Ansichtskarten-Reihe „Siebenbürgische Karpathen“ bei Drotleff in Hermannstadt erschienen
Die Kunstanstalt Jos. Drotleff in Hermannstadt begann vermutlich Anfang 1917 mit der Herausgabe von Ansichtskarten unter dem Titel „Siebenbürgische Karpathen“. Innerhalb weniger Monate ist diese Reihe auf fast 100 Ansichtskarten angewachsen; sie wurde über mehrere Jahre hinweg weitergeführt. Die Karten zeigen Ansichten aus den Karpaten rund um Hermannstadt und Kronstadt.
Ansichtskarte vom roten Turmpass
Ansichtskarte vom roten Turmpass
Bis zu den Friedensverträgen nach Ende des Ersten Weltkrieges bildeten die Karpaten die Grenze zwischen Rumänien und Österreich-Ungarn. Die Karpatenübergänge waren während des Kriegshandlungen im Herbst 1916 heftig umkämpft und nach der Besetzung Rumäniens durch die Mittelmächte mit Truppen besetzt. In den beiden 1917 in der Reihe „Siebenbürgische Karpathen“ erschienenen Ansichtskarten widerspiegelt sich diese Situation. Sie zeigen die ungarische bzw. rumänische Seite des Roten-Turm-Passes, durch welchen der Alt die Karpaten Richtung Süden quert. Beide Karten wurden von Militärangehörigen mit der Feldpost versandt.
gemaltes Bild eines Stempels gemaltes Bild einer Briefmarke gemaltes Bild eines Stempels
Eine Übersicht der Ansichtskarten aus der Reihe „Siebenbürgische Karpaten“ kann HIER abgerufen werden.
Karpatenwacht-Verlag in Kronstadt wirbt mit Ansichtskarten für das Wandern in den Karpaten
In Kronstadt war es Julius E. Teutsch, der eine vergleichbare Initiative ergriff und den Karpatenwacht-Verlag gründete, in welchem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrere Reihen von Ansichtskarten zu den siebenbürgischen Karpaten erschienen sind. Teutsch war – neben seiner Tätigkeit als Inhaber einer Drogerie in Kronstadt und später als Angestellter der dortigen Portlandzementfabrik - vielfältig für die Gemeinschaft und die Berge tätig: Er war 1905 Mitgründer des Kronstädter Skivereins, dessen Vorstand er später wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg leitete er die Sektion Kronstadt des Siebenbürgischen Karpatenvereins.
Ansichtskarte einer Schutzhütte in den Karpaten
Die Schutzhütte des SKV am Großen Königstein dokumentiert auf einer Ansichtskarte des Verlages Karpatenwacht. Als Fotograf ist auf der Rückseite der Karte Dr. Siegfr. Gusbeth angegeben.
gemaltes Bild einer Postkarte mit Bergen und Spruch: Siebenbürgen süsse Heimat
Hüttenwirte verdienen sich ein Zubrot mit dem Verkauf von Ansichtskarten
Mit dem Verkauf von Ansichtskarten verdienten sich die Hüttenwirte ein Zubrot. Diese Karten sind unter anderem daran erkennbar, daß Sie einen Hüttenstempel tragen.
Anichtskarte von Sinaia mit Bergen im Hintergrund
Rückseite der vorhergehenden Ansichtskarte mit Poststempel vom SKV
gemaltes Bild einer Postkarte mit Herzen und rotem Kussmund gemaltes Bild eines Briefkasten gemaltes Bild einer Postkarte mit Bergen und Spruch: Siebenbürgen süsse Heimat
Gesamtansicht von Sinaia in den Karpaten, Ansichtskarte von 1939. Das Foto hierzu wurde von Josef („Pepi“) Fischer aus Hermannstadt gemacht, einem der bekanntesten Bergfotografen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In den letzten Jahren sind einige Veröffentlichungen zu der Fotografen-Familie Fischer erschienen, so beispielsweise das Buch „Jenseits des Verschwindens. Aus dem fotografischen Nachlass der Gebrüder Fischer, Hermannstadt/Sibiu; herausgegeben von Konrad Klein und Christian Lindhorst (Schiller Verlag, Sibiu/Hermannstadt und Bonn, 2012, 94 S.). Der Hüttenstempel auf der Rückseite deutet darauf hin, dass die Ansichtskarte auf der vom Siebenbürgischen Karpatenverein errichteten Hütte „Varful cu Dor“ gekauft wurde.
Ansichtskarte einer Aussichtsplattform in den Karpaten
Rückseite der vorhergehenden Ansichtskarte mit einem handgeschriebene Urlaubsgruß von Willi an Fräulein Elsa Fischer
gemaltes Bild einer Postkarte mit Herzen und rotem Kussmund gemaltes Bild eines Mannes mit einer Liebespostkarte vor einem Briefkasten gemaltes Bild einer Postkarte mit Herzen und rotem Kussmund
Die im H. Zeidner´s Verlag erschienene Ansichtskarte zeigt die Aussichtsbank am Schulerhaus. Sie wurde (wie der Hüttenstempel vermuten läßt) im Schuler Schutzhaus erworben und vermutlich bereits dort am 30.08.1907 geschrieben. Das 1883 eingeweihte Schuler Schutzhaus gehörte zu den ersten von der im April 1881 gegründeten Sektion Kronstadt (dem Nachfolger des 1873 ebendort gegründeten „Siebenbürgischen Alpenvereins“) erbauten Schutzhütten. Sie wurde mehrfach umgebaut und erweitert. Im Zuge der kommunistischen Machtübernahme nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Schutzhütte enteignet und erst nach aufwändigen Gerichtsverfahren Ende des 20. Jahrhundert an die wieder gegründete Sektion Kronstadt des SKV zurückerstattet. Heute erstrahlt sie in neuem Glanz und trägt mit Julius Römer den Namen des ersten Obmanns der Sektion Kronstadt. Weitere Informationen über die Hütte können unter HIER abgerufen werden. Die mit einer ungarischen Briefmarke freigemachte Karte trägt den Poststempel „BRASSO“; das Datum ist leider nicht erkennbar. Ob die Karte vom Schreiber in Kronstadt aufgegeben wurde oder ob sie an der Hütte abgegeben und von dort zur Post nach Kronstadt gebracht wurde, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Interessant ist die kleingedruckte Inschrift links auf der Rückseite: „Siebenbürgischer Karpathenverein“. 11 Sektionen. 2300 Mitglieder. Jährl. Mitgliedsbeitrag 4 Kr.“. Jede Karte mit einer solchen Inschrift (es gibt sie auch von anderen Sektionen des SKV) war Werbung für den Siebenbürgischen Karpatenverein.
Werbung fürs Wandern in den Karpaten
Manche Ansichtskarten zeichnen sich durch ihren hohen Informationsgehalt aus und werben damit indirekt für Wandertouren in den Karpaten.
gemalte Ansichtskarte mit Berglandschaft und Umgebungskarte
Rückseite der vorherigen Ansichtskarte
Auf dieser „Geogr. Ansichtskarte“ ist ein Wanderweg von Kronstadt auf den Schuler mit roter Linie auf der Karte eingezeichnet. Die vom „Geograph. Inst. v. G. Sternkopf Halle a. S.“ Ansichtskarte ist wahrscheinlich im „Verlag v. H. Hiemesch, Buchhandlung, Kronstadt“ erschienen und wurde vermutlich sowohl im damaligen Deutschen Reich als auch vor Ort in Kronstadt vertrieben. Sie ist damit eine Einladung zum Wandern in den Bergen rund um Kronstadt, die weit über die Grenzen Siebenbürgens erhältlich war. Mehrere Ordnungsnummer auf der Ansichtskarte (No. 15 und No. 369) deuten darauf hin, daß es eine ganze Serie von Karten nach einem vergleichbaren Konzept gab. Die Ansichtskarte wurde am 23.08.1898 von Kronstadt nach Galati (Rumänien) geschickt; Empfängerin ist Signorinna (!) Albertina Seidel.
gemaltes Bild einer Briefmarke gemaltes Bild eines Posthornes und aufschrigt Posta Romania gemaltes Bild einer Briefmarke
Ansichtskarten haben einen hohen dokumentarischen Wert
Ansichtskarte vom Bau einer Schutzhütte mit Bauarbeiter
gemaltes Bild eines Stempels gemaltes Bild eines Stempels gemaltes Bild eines Stempels
Die Ansichtskarte dokumentiert die Bauarbeiten an der „Omul“-Hütte im Butschetsch-Gebirge im Jahr 1925. Die erste Hütte an diesem markanten Gipfel wurde 1888 vom Siebenbürgischen Karpatenverein (www.skv.ro) errichtet. Im Jahr 1900 baut der Karpatenverein aus Sinaia eine weitere Hütte, welche 1911 von einem Feuer zerstört wird. Nach mehreren gescheiterten Anläufen wird 1924 mit dem Bau einer neuen Hütte aus Holz begonnen. Das Baumaterial wird im Betriebshof der Papierfabrik Schiel in Busteni vorbereitet und das erste Stück mit einer Seilbahn auf den Butschetsch transportiert. Zu Ende geführt wird dieser Bau vom „Touring Club Romania“, welcher den Zusammenbau der Hütte im September 1925 beginnt. Die Ansichtskarte zeigt den Stand am 4.10.1925. Die offizielle Eröffnung findet am 07.08.1926 statt.
Ansichtskarte des Kurortes Hohe Rinne
gemaltes Bild einer Briefmarke gemaltes Bild eines Stempels gemaltes Bild einer Briefmarke
Die nahe Hermannstadt gelegene „Hohe Rinne“ (rum.: Paltinis) war und ist ein beliebtes Ausflugziel auf etwa 1500m. Höhe in den Karpaten. Der Ort wurde um 1894 vom Siebenbürgischen Karpatenverein gegründet. Aus dieser Zeit existieren noch das Touristenhaus, das Ärztehaus und der Monaco-Saal, die jetzt unter Denkmalschutz stehen. Die von der SKV-Sektion Hermannstadt im Jahr 1941 herausgegebene Ansichtskarte beruht auf einer Fotografie von E.(mil) Fischer und zeigt das „Hohe Rinne“-Heim und die umliegenden Gebäude. Informationen über die „Hohe Rinne“ können abgerufen werden unter www.hoherinne.eu und www.karpatenwanderer.de Zu dem Luftkurort „Hohe Rinne“ und insbesondere der Hotelpost, welche die Beförderung von Briefen und Ansichtskarten von und zu den Hotelgästen besorgte, hat Mircea Dragoteanu vielfach und sehr kundig veröffentlicht. Ein Beispiel ist sein Buch "A fost odata Hohe Rinne“ [Es war einmal die Hohe Rinne], welches 2014 erschienen ist.
gemaltes Bild eines Mädchens, welche eine Postkarte mit gemalten Herzen liest
Der Autor ist an einem Kontakt mit Gleichgesinnten und dem Austausch von Informationen sehr interessiert; Sammler von Ansichtskarten zu den Karpaten werden um Kontaktaufnahme unter uwe.konst@arcor.de gebeten.
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