proiect brânză


von Uwe Fischer
www.fischtours.de

Berg
Hirten liegen auf einer Wiese
Der Fernlinien­bus schwan­kte be­droh­lich, zu­min­dest für mich. Ich saß ganz vorn links, qua­si als Ga­lions­fi­gur für Eu­ro­lines oder als Knautsch­zo­ne für zu dicht ent­ge­gen­kom­men­de LKW. Aber al­les war im Grü­nen Be­reich. Die Fah­rer wuss­ten, was sie ta­ten, ei­ner lenk­te sou­ve­rän, der an­de­re schlief auf dem rech­ten Dop­pel­sitz ne­ben mir.
Bus
Bei aller Bedroh­lich­keit hat­te ich den­noch Glück! Mein Platz bot mir mehr Bein­frei­heit und ei­nen Win­kel für mei­nen Ka­me­ra­ruck­sack. Der war prall ge­füllt, ob­wohl ich nur das Nö­tigs­te ein­ge­packt hat­te - die Grund­aus­stat­tung, um die Trans­hu­manz zu fil­men und da­bei mit den Hir­ten über die Kar­pa­ten zu wan­dern. Trotz des pri­vi­le­gier­ten Pla­tzes schlie­fen mir die Bei­ne eher ein, als dass ich selbst zur Nacht­ru­he kam. Stän­dig piep­te ir­gend­ein Han­dy und über­all wur­de ge­schwatzt.
schlafende Beine
Von Dresden nach Sibiu soll­te ich et­wa 21 Stun­den un­ter­wegs sein, und das in ei­nem Li­nien­bus, kei­nem 3-Ster­ne-Kom­fort-Rei­se­bus! Für die kom­plet­te Stre­cke von Ham­burg bis Bu­ka­rest wa­ren gu­te 33 Stun­den nö­tig. Auf die­ser Li­nie reis­ten all die Men­schen, die nicht ge­nug Geld für ei­nen Flug hat­ten. Ge­ring­ver­die­nen­de, die in Deutsch­land in Haus und Hof hal­fen. Schon lan­ge, be­vor ich in Si­biu wie ge­rä­dert aus­stieg, war mir klar, dass ich für künf­ti­ge Be­su­che das Flug­zeug neh­men würde.
Motoradfahrer redet mit Menschen
Mit dieser Reise be­gann die Er­fül­lung ei­nes lang ge­heg­ten Wun­sches. Des Wun­sches, die ru­mä­ni­sche Schä­fer­fa­mi­lie Ba­bu zu be­su­chen, die ich von mei­nen Mo­tor­rad­rei­sen ins Kar­pa­ten­land her kann­te. Ihr Le­ben und ih­re Ar­beit un­ter den oft­mals har­ten Be­din­gun­gen woll­te ich selbst er­le­ben und do­ku­men­tieren.
Tagebuch und Fotoapparat
Neben den tie­ri­schen Er­leb­nis­sen war es für mich am ein­drucks­vollsten, wie mich die Fa­mi­lie auf­ge­nom­men hat! Oh­ne Vor­be­hal­te durf­te ich an ih­rem Le­ben teil­ha­ben, durf­te fast al­les fil­men. Ich be­kam im­mer zu es­sen, im­mer ein Bett oder we­nigs­tens ei­ne tro­cke­ne Schlaf­statt.
eingerichtetes Zimmer
Zimmer
Milchkanne neben Schaffell
Dann endlich Schafe!
Schafe
Schafe
Schafe
Schafe
Schafe
Schon von Wei­tem hör­te ich ihr dumpfes Blö­ken, ver­mischt mit hel­lem Mä­hen. Wir hat­ten En­de Ja­nu­ar und die ers­ten Läm­mer spran­gen schon he­rum. Es war ei­sig kalt und für Hir­ten und Scha­fe ei­ne schwe­re Zeit. Der Schnee lag un­ge­wöhn­lich hoch und es muss­ten zu­sätz­lich Heu und Mais ge­füt­tert wer­den. Die Män­ner be­hal­fen sich mit Kaf­fee, Cior­bă (Sup­pe) und Țui­că (Schnaps).
Unterstand
Die Nacht durften Läm­mer und Mut­ter­scha­fe über­dacht und im wei­chen Stroh ver­brin­gen, al­le an­de­ren blie­ben im Frei­en. Der Un­ter­schlupf der Cio­banii (Hir­ten) selbst war bau­fäl­lig und zu­gig. Plas­tik­fo­lie an den Fens­tern und ein Holz­feu­er im selbst­ge­setz­ten Ofen hiel­ten die Käl­te fern, wäh­rend sie auf roh ge­zim­mer­ten Prit­schen schlie­fen.
Mann neben Ofen
Kein elektrischer Strom, kein flie­ßen­des Was­ser, kei­ne Pri­vat­sphä­re, nichts, was ir­gend­wie an Ge­müt­lich­keit er­inn­er­te. Hir­ten­le­ben pur, oh­ne ver­klä­ren­de La­ger­feu­er­ro­mantik.
Schafe in Berglandschaft
Vor Sonnenaufgang begann die Ar­beit. Mir dröhn­te noch der Kopf vom knap­pen Sau­er­stoff, den wir uns mit dem Feu­er teil­ten, aber die Ka­me­ra muss­te ge­zückt wer­den. Das Le­ben mit Tie­ren dul­de­te es nicht, ei­ge­nen Be­find­lich­kei­ten nach­zu­ge­ben. Die Scha­fe brauch­ten Ener­gie, um der Wit­te­rung wi­der­ste­hen zu können.
Schafe werden gemolken
Hunde
Schafe
Schurwerkzeuge
Teller mit Speck, Zwiebeln, Käse und Brot
alte Hirtenfotos in einem Buch
Zeicnhnungen in einem altem Buch
tanzende Mädchen in Tracht
April.
Während die Transal­pina noch ge­sperrt war und Schnee wei­te Tei­le der Kar­pa­ten be­deck­te, konn­ten im tie­fer ge­le­ge­nen Win­ter­la­ger die Scha­fe schon ge­mol­ken wer­den. Die ers­ten Kis­ten wa­ren mit Brân­ză (Kä­se) ge­füllt und war­te­ten da­rauf, hoch zum Som­mer­la­ger in die Stâ­na (Schä­fe­rei) ge­bracht zu werden.
wandernde Käsekiste
Dann war es soweit, die Her­de be­gann ih­re Wan­de­rung ins Ge­bir­ge und in No­vaci wur­de die­ser Akt mit ei­nem Volks­fest be­gan­gen. Ne­ben Markt­trei­ben, Stän­den mit Bier und Ge­grill­tem, tra­fen hier Fol­klo­re­tanz­grup­pen aus vie­len Re­gio­nen Ru­mä­niens auf­ei­nan­der, um sich zu ver­gleichen.
Schafherde
Hirten stehen neben einem Motoradfahrer
Mann steht an einer Kochstelle
Schafe
Esel
Die neue Stâna oben in den Ber­gen hat­te kaum noch Ähn­lich­keit mit der al­ten Schä­fe­rei. Seit der As­phal­tie­rung der al­ten "Königs­stra­ße", der Na­mens­schöp­fung "Trans­al­pi­na" für eben die­se Stra­ße, dem da­mit ver­bun­de­nen Tou­ris­mus, der nun an der Stâ­na Ște­fa­nu vor­bei kam und hier auch stopp­te, hat sich das Ge­schäfts- und Le­bens­mo­dell der Ba­bus ver­ändert.
Autos auf einer Bergstraße
Anfangs woll­ten die Tou­ris­ten nur den Kä­se pro­bie­ren. Dann woll­ten sie da­bei sit­zen. Dann beim Sit­zen nicht nass wer­den. Al­so muss­ten Tel­ler, Bän­ke, Ti­sche und ein Dach her... Letzt­lich um­fass­te das An­ge­bot al­les, was "de ca­sa" (zu Hau­se) pro­du­ziert wer­den konn­te: Kä­se, Wurst, Schnaps, Mar­me­la­de, Ho­nig, über dem Feu­er ge­koch­te Po­len­ta... Und schon längst stamm­te nicht mehr al­les nur aus dem Hau­se Ba­bu, man kauf­te mitt­ler­wei­le zu.
verschiedene Käsesorten
Eines blieb je­doch un­ver­ändert: der Ta­ges­ab­lauf, den die Scha­fe be­stimm­ten. Noch vor Son­nen­auf­gang wur­de mit dem Mel­ken be­gon­nen und wie seit Ge­ne­ra­tio­nen melk­te man mit den Hän­den. Das be­deu­te­te, ein­hun­dert bis ein­hun­dert­fünf­zig klei­nen Eu­tern Milch ab­zu­zup­peln - pro Hir­te! An­schlie­ßend be­ka­men sie ih­re Fin­ger nicht mehr ge­rade.
schmerzende Finger
Um rund einen vier­tel Li­ter Milch er­leich­tert, zog die Her­de dann hoch auf den Ge­birgs­kamm und war dort bis zum Son­nen­un­ter­gang un­ter­wegs. Mit Ge­birgs­kräu­tern satt ge­fres­se­ne Scha­fe ge­ben gu­te Milch, un­ab­ding­bar für wür­zi­gen Kä­se, au­ßer­dem wird ihr Fleisch da­durch be­son­ders schmack­haft - schlich­te Grün­de, wes­halb sich vie­le Schä­fer den Stra­pa­zen im Hoch­ge­bir­ge noch heu­te aus­setzen.
Frau sitzt in Berglandschaft
Schafherde im Regen
Tropfen hängen am Gras
Motoradfahrer posiert mit Ehepaar neben seinem Motorrad stehend
Berglandschaft mit Nebel im Tal
Oktober
Nun wurde der umfang­rei­che Haus­rat der Stâ­na ver­la­den und hi­nab ins Tal ge­bracht, die Ge­birgs­sai­son war zu En­de. Hir­ten und Her­de über­quer­ten den über zwei­tau­send Me­ter ho­hen Kamm des Pa­râng-Ge­bir­ges, um rund ein­hun­dert Ki­lo­me­ter wei­ter im Sü­den ihr Win­ter­la­ger zu be­zie­hen. Sechs bis sie­ben Ta­ge soll­ten sie da­für un­ter­wegs sein.
Schafherde mit Hirten in den Bergen unterwegs
Zuvor wurde jedoch noch ei­ne wich­ti­ge Maß­nah­me er­grif­fen, das Des­in­fi­zie­ren der Tie­re. Al­ler Tie­re! Al­so auch der Hun­de. Die kom­mu­na­le An­la­ge be­stand aus zwei Pfer­chen und ei­nem schma­len Be­cken. Dort tra­fen sich die Schä­fer von No­vaci mit ih­ren Her­den, um Scha­fe und Hun­de durch das De­sin­fek­tions­bad zu trei­ben. Ei­ne un­säg­li­che Tor­tur für al­le, für die Tie­re, aber auch für die Men­schen.
Schafherde mit Hirten unterwegs
Mann hält schaf im Becken
nasses Schaf schüttelt sich
Schaf schwimmt im Desinfektionsmittelbad
Herde mit Hirten unterwegs
rauchender Hirte
Schafherde vor Berglandschaft
Esel wurden mit Proviant, Töp­fen, De­cken und den Um­hän­gen aus Schaf­fel­len be­la­den und dann be­gann die Wan­de­rung. Sie führ­te über Fel­der und Wie­sen, durch Ort­schaf­ten und Wäl­der. Kei­ne leich­te Auf­ga­be: mit­un­ter wur­de das We­ge­recht erst un­ter­wegs ver­han­delt, auf den Stra­ßen soll­ten die Tie­re mög­lichst dicht bei­ei­nan­der lau­fen, un­ver­mit­telt muss­ten Um­we­ge ge­macht werden.
hirte mit Schafherde
Hörte man, dass sich in der Ge­gend Wöl­fe he­rum­trie­ben, wur­de ein um­zäun­tes Stück Land für die Nacht ge­sucht. Die Hir­ten schlie­fen auf der blo­ßen Er­de, nur ein­ge­hüllt in De­cken und ih­re Fell­um­hän­ge. Re­gne­te es, so zo­gen sie ein­fach ei­ne Pla­ne über alles.
Regenplane über alles gespannt
Schließlich kamen sie im Win­ter­la­ger an, ei­ner al­ten, nicht mehr be­wir­tschaf­te­ten Obst­baum­plan­ta­ge. Hier wür­den sie nun für mehr als ein hal­bes Jahr le­ben und ih­re Scha­fe hü­ten. Bis sie im spä­ten Früh­ling wie­der in die Ber­ge zie­hen wer­den. Es ist im­mer der glei­che Rhyth­mus, den die Trans­hu­manz vor­gibt, jahr­ein, jahr­aus.
Mond, Sterne und Sonne im Wechsel
2020 kam es je­doch zu ei­ner Ab­wei­chung. Im Ja­nu­ar des Jah­res be­ga­ben sie sich auf ei­ne gro­ße Rei­se! Es ging ins Aus­land! Es ging nach Ber­lin! Es ging zur In­ter­na­tio­na­len Grü­nen Woche!
Auto fährt nach Berlin
Das rumänische Agrar­mi­nis­te­ri­um hat­te die Ba­bus ein­ge­la­den, dort ih­re Pro­duk­te zur Ver­kos­tung an­zu­bie­ten. Den Kä­se und das Schaf­fleisch aus der Stâ­na Ște­fanu.
Schaffell und Mützen vor rumänischer Flagge
Wer Interesse an dem Film hat, schreibt mir bit­te ei­ne E-Mail an info [ät] fischtours.de. Ich wei­se dann per Mail auf ge­plan­te Auf­füh­run­gen hin.
Mulțumesc! Danke!
Film
Anmerkung Redaktion: Uwe zeigt uns sei­nen Film "proiect brânză" am Wo­chen­en­de nach Os­tern zum Tref­fen der Ru­mä­nien­freun­de am Lüt­sche­stau­see in Thü­rin­gen.
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